Napoleon auf Elba – eine Spurensuche

Napoleon auf Elba – eine Spurensuche

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Warum selbst die Anfänge des elbanischen Tourismus auf den Kaiser zurückgehen und was die heutige Müllabfuhr auf der toskanischen Insel mit Napoleon zu tun hat.

Als Napoleon am 4. Mai 1814 in Elbas Hauptstadt an Land ging, bereiteten ihm die Einwohner einen begeisterten Empfang. Die beiden Forts Stella und Falcone schossen 21 Mal Salut. Der Bürgermeister überreichte ihm die vergoldeten Stadtschlüssel von Portoferraio auf einem Samtkissen als Symbol für die Übernahme der Macht. Dies erlebt der heutige Tourist nicht mehr, der in Portoferraio landet und auf den Spuren Napoleons wandelt.

Der Weg ist indes immer noch der gleiche wie der, den der abgesetzte Kaiser der Franzosen in sein erstes Exil gegangen ist: Vom Hafenquai durch das Tor zwischen den aneinandergebauten Häusern, an dem einst die Hafenzölle erhoben wurden, zum grossen Platz der Stadt.

 

Hafen von Portoferraio und Stadttor

 

Dort feierten die begeisterten Elbaner ein grosses Fest zu Ehren ihres neuen Herrschers, der die Insel für zehn Monate von ihrer Lage am Rande der Geschichte entreissen und ins Rampenlicht der grossen Politik führen sollte. Das Volk tanzte auf den Strassen. Napoleon hatte zuvor proklamiert: „Elbaner! Ich, Napoleon, werde Euch regieren. Seid meine guten Kinder, wie ich Euch ein guter Vater sein will!“

 

Napoleon- Elba

Noch heute feiern die Elbaner den Mythos Napoleon. Im Bild Gabriele Rotellini und seine Frau Jeanette Otz.

 

Napoleon liess Latrinen installieren

Unter einem Baldachin wurde der Kaiser mit seinem Gefolge in die Hauptkirche des Städtchens geführt. Dort zelebrierte der Generalvikar mit seinem Klerus ein Te Deum. Auch heute lohnt die Kirche noch einen Blick. Am Kopf des grossen Platzes liegt das Rathaus, wo man in aller Eile eine behelfsmässige Wohnung für den Korsen hergerichtet hatte. Doch der lärmempfindliche Napoleon konnte kaum schlafen, weil das Volk die ganze Nacht feierte. Und weil man sein Schlafzimmer kaum verdunkeln konnte.

 

Te Deum für Napoleon

 

Am nächsten Morgen wurde Napoleon nochmals auf die harte Tour bewusst, wo er jetzt gelandet war: Es begann infernalisch zu stinken, denn mangels Latrinen und jeglicher Kanalisation leerten die Anwohner des Platzes ihre gefüllten Nachttöpfe einfach zum Fenster hinaus auf die Strasse.

Dies muss der heutige Reisende nicht mehr erdulden. Die Grundlage dafür legte Napoleon sofort nach seiner Ankunft: Er ordnete die Installation von Latrinen an. 266 Jahre nach der Gründung erhielt Portoferraio sein erstes Abwassersystem. Auch in den anderen Orten der Insel liess Napoleon öffentliche Latrinen installieren. Zudem rekrutierte er Arbeiter zur Müllabfuhr. Wer nun noch Abfall aus den Fernstern warf oder Abwasser auf die Strasse schüttete, musste saftiges Bussgeld zahlen.

Heute wird der Abfall aufs Festland gebracht, da die Müllverbrennungsanlage nicht in Betrieb ist. Um die Menge zu reduzieren, wird seit diesem Jahr schrittweise die Mülltrennung eingeführt. Den Anfang machte das Dorf Capoliveri. Seit kurzem ist auch in Portoferraio die Abfalltrennung Pflicht.

Nach der wenig erholsamen Nacht machte sich Napoleon sofort auf die Suche nach einem ruhigeren und angemesseneren Wohnsitz. Vom Rathaus führte der Weg ihn – wie den heutigen Touristen – hinaus zur Villa dei Mulini. Wo einst Windmühlen standen, bezog der Kaiser schliesslich seine Residenz.

 

Napoleon- Elba

Villa dei Mulini

 

Unterwegs liegt das winzige Napoleon-Museum. Das grösste Ausstellungsstück ist ein Krankenwagen aus dem 19. Jahrhundert. Bezeichnend, denn auch in der Verbesserung der Volksgesundheit war Napoleon wegweisend: Er bekämpfte erfolgreich viele auf der Insel grassierende Krankheiten, indem er etwa Lebensmittel- und Trinkwasserkontrolle durchführen liess und Spitäler gründete.

 

Elba- Napoleon

Krankenwagen

Düster hingegen erscheinen dem heutigen Besucher im Museum der Sarg und die Totenmaske Napoleons aus dunkler Bronze, die nach einem Wachsabdruck des Kaisers auf dem Totenbett erstellt wurde. Daneben ein finsterer Bronzeabdruck der rechten Hand des Imperators. Der Tod wird nicht umsonst seit Homer als schwarz bezeichnet.

 

Elba- Napoleon

Totenmaske

Napoleons Mini-Palast auf Elba

 

Wieder draussen am Tageslicht erreicht der Besucher nach kurzem Anstieg die Palazzina dei Mulini, wo er mit einer grossartigen Aussicht über Stadt und Meer belohnt wird. Für 80’000 Francs liess Napoleon die alte Villa zu einem Zwerg-Hof nach Vorbild der Tuilerien in Paris umgestalten. Der „Palast“ verfügt über 30 Zimmer, von denen die meisten bedrückend klein sind. Hier prallten die Ansprüche des Kaisers nach Grandeur und die Wirklichkeit seines Exils hart aufeinander.

 

Elba- Napoleon

Ballsaal

 

Im ersten Stock der Villa liess Napoleon einen grossen Salon für Bälle und Empfänge einrichten. Ferner schuf er einen Theatersaal für Operetten und Kammerspiele. Sehenswert sind auch die Bibliothek oder das Schlafzimmer des Kaisers. Auch das Plumpsklo mit dem Deckel gegen die Gerüche ist noch vorhanden. Vor den Parterrefenstern befindet sich ein hübsches Gärtchen im toskanischen Stil mit Palmen, Zypressen, einem Springbrunnen und einer Athene-Statue.

 

Elba- Napoleon

Plumpsklo

 

Die Einrichtung verschaffte sich Napoleon von Festland, wo er im Städtchen Piombino den dortigen Palazzo ausräumen liess, in dem seine Schwester Elisa residiert hatte. Heute sind indes die meisten Möbel Napoleons verloren. Sie wurden durch andere aus der damaligen Zeit ersetzt. Genauso erging es in der Villa San Martino, die Napoleon als Sommerresidenz sechs Kilometer ausserhalb von Portoferraio bezog.

 

Prunksaal mit Darstellungen des Ägyptenfeldzugs Napoleons und Sommerresidenz von Napoleon.

 

Dennoch ist auch heute noch das Bemühen nach Prachtentfaltung spürbar, auf die Napoleon grossen Wert legte, um fremde Besucher beeindrucken zu können. Und von denen kamen viele: Ausländische Kauffahrer, Offiziere und Privatiers, die neugierig darauf waren, den grossen Mann in seinem Exil zu sehen.

 

Elba- Napoleon

 

Napoleon empfing viele Besucher, lud sie an seine Tafel und zeigte ihnen seine Errungenschaften. Bewundern liess er sich stets mit Vergnügen. So liessen diese Fremden einiges Geld auf der Insel. Sie kauften Marmorstücke natürlich vor allem Napoleon-Büsten – als Souvenirs und übernachteten in den Herbergen der Insel. So gehen selbst die Anfänge des elbanischen Tourismus auf den Kaiser zurück.

Auch wenn der heutige Reisende bei seiner Ankunft keine vergoldeten Schlüssel mehr erhält: Napoleon gab die seinen auch umgehend dem Bürgermeister zurück mit der elegant-witzigen Bemerkung: „Bei Ihnen, Signore il Sindaco, sind sie in den besten Händen.“ Es waren die Schlüssel vom Weinkeller des Bürgermeisters gewesen.

 

Zum Autor:

Elba- Napoleon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes Brinkmann ist Wirtschaftsjournalist bei der Nachrichtenagentur AWP. In seiner Freizeit reist er gerne an historische Orte, bevorzugt im Gebiet des römisch-griechischen Kulturkreises, wo die Wiege der europäischen Zivilisation liegt. Ihn fasziniert unter anderem, wie Napoleon sich in vielem an den Traditionen der römischen Kaiser orientiert.

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