Valposchiavo – eine fast vergessene Wein-Region

Die Anreise über den Bernina in die Valposchiavo ist spektakulär. Der Zug fährt am Morteratsch-Gletscher vorbei, erreicht zahnradlos den höchsten Punkt der Strecke, den 2253 Meter über Meer gelegenen Berninapass, und windet sich in verwegenen Kurven hinunter nach Poschiavo. Das kleine, architektonisch interessante Städtchen im Süden Graubündens ist der ideale Ausgangspunkt, um die nahe gelegenen Weingüter zu besuchen – und das eine oder andere gastronomische Highlight zu erleben.

In Campascio befindet sich der Firmensitz des Weinguts Pietro Triacca. Der besonnene Winzer besitzt neben dem Gebäude, nahe der Bahnlinie, eine Exklusivität: den einzigen Rebberg im Valposchiavo. Dort wächst auf lediglich 2400 Quadratmetern und 630 Metern über Meer Sauvignon blanc.

Und auf den Wein ist Triacca sichtlich stolz: „Zu einem Weingut gehört ein Rebberg.“ Recht hat er, zumal der Weisse aus dem Jahr 2017 wunderbar schmeckt: schöne, sortentypische Aromatik in der Nase, trocken, frisch, fruchtig, mineralisch im Gaumen (20 Fr., www.triacca.eu).

 

Valposchiavo

 

Seine Hauptproduktion befindet sich indessen im benachbarten Veltlin. Das alpin geprägte Weingebiet ist in den letzten Jahren fast vergessen gegangen. Da zunehmend weniger Konsumenten den Tropfen zusprachen, reduzierte sich die Anbaufläche dramatisch von 5000 auf 1000 Hektaren. Hauptsorte ist der Nebbiolo, der hier seine Heimat hat und für die berühmten Barolo- und Barbaresco-Weine aus dem Piemont verantwortlich ist. Der Stolz der Veltliner Produzenten ist der Sforzato di Valtellina. Der kräftige Wein aus getrockneten Trauben wurde früher als Medizin gegen Blutarmut und Eisenmangel getrunken. Sehr schöne Weine keltert das Gut La Perla di Marco Triacca, das seinen Sitz ebenfalls in Campascio hat. Der vollmundige Sforzato Quattro Soli 2013 (45 Fr., www.vini-laperla.com) hält Jahrzehnte und ist der perfekte Meditationswein.

 

Valposchiavo

 

Vieles erscheint traditionell im Veltlin. Und doch ist auch eine Aufbruchsstimmung zu spüren, die wohl am besten Marco Zanolari von Vini La Torre verkörpert. Der charismatische Winzer arbeitet in den Rebbergen konsequent biologisch-dynamisch, will die önologische Monokultur mit Obst- und Olivenbäumen und Wiesen durchbrechen und vergärt zahlreiche seiner Weine in Amphoren. Ein mutiger Schritt, sind doch dergestalt ausgebaute Gewächse etwas gewöhnungsbedürftig. Doch alle sind sehr sauber vinifiziert und erlauben einen etwas anderen Zugang zum Wein, wie etwa sein gelungener Merlot Le Anfore 2013 beweist (29 Fr., www.la-torre.ch).

Die Weine der Veltliner Produzenten werden glücklicherweise zahlreich in den lokalen Restaurants und Hotels des Puschlav angeboten und ausgeschenkt. Überhaupt achten Gastronomen darauf, dass man regionalen Produkten auf den Speisekarten einen prominenten Platz einräumt. Um deren Bedeutung zu unterstreichen, wurde ein eigenes Label geschaffen: „100% Valposchiavo“ (siehe Kasten). Hervorragend isst man etwa im Ristorante Motrice in Poschiavo (www.ristorante-motrice.ch), das über einen eindrücklichen Gemüse- und Kräutergarten besitzt. Frischer geht nicht mehr. Ein Muss sind etwa die sehr schmackhaften Crespelle di grano saraceno mit Käse und Schinken. Ebenfalls einen Besuch wert ist die Hosteria del Borgo in Poschiavo (http://www.hostariadelborgo.in/), wo zahlreiche regionale, hervorragend zubereitete Spezialitäten serviert werden. Eines der schönsten Hotels, in denen man im Puschlav wohl übernachten kann, ist das Hotel Le Prese (www.hotel-le-prese.com), das direkt am idyllischen Lago di Poschiavo liegt. Der See lädt auch bei Wassertemperaturen von 18, 19 Grad zu einem Bade ein. Umso mehr geniesst man nachher einen Teller Tagliatelle mit Steinpilzen – und ein feines Glas Veltliner.

 

Kulinarische Köstlichkeiten: 100% Valposchiavo

Im Valposchiavo will man regionale Produkte bewusst fördern. Daher haben Bauern- und Gewerbeverband sowie die lokale Tourismus-Organisation das Gütesiegel „100% Valposchiavo“ gegründet. Damit werden Lebensmittel ausgezeichnet, die ausschliesslich aus Rohstoffen aus dem Tal bestehen. Vieles ist in Bio-Qualität erhältlich, denn fast 90% der Agrarfläche wird auf diese Art und Weise kultiviert – wohl schweiz- und weltweit ein Rekord. Die Konsumenten können aus einer Vielzahl von Produkten wählen – von Gemüse über Fleisch, Käse bis hin zu Kräutertees. Zudem haben 13 Restaurants die Charta unterschrieben und bieten auf ihren Speisekarten mindestens drei Gerichte aus der Region an. „100% Poschiavo“ wurde etwa mit dem Milestone, dem offiziellen Schweizer Tourismuspreis, für Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

 

Der Autor:

Peter Keller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Peter Keller ist Weinjournalist bei der NZZ am Sonntag und dem Lifestyle-Portal www.bellevue.nzz.ch. Der Weinakademiker führt zudem Weinseminare für die Leser durch. Für den Coop-Weinclub Mondovino arbeitet er als Weinexperte.

 

Die Reise ins Puschlav fand auf Einladung von Valposchiavo Turismo statt. Valposchiavo Turismo ist ein Kunde von PrimCom-Schweiz.

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