Von Alex Oberholzer
Doch jetzt sollte sich das alles ändern. Ich wurde eingeladen, ein Schiff zu testen, welches so umgebaut wurde, dass ich es mit meinem Rollstuhl benutzen konnte. Auch Reiseveranstalter merken, dass sie sich weiter entwickeln müssen. Ihre Klientel wird immer anspruchsvoller, auch immer älter. Bald schon stürmen Rollatoren ihre Schiffe – und ab und an wohl auch ein Rollstuhl. Nur folgerichtig, stellt man sich frühzeitig darauf ein.
Jetzt war es also soweit, ich durfte die MS Antonio Bellucci testen. Es ist bis dato das einzige Schiff in der Flotte des Schweizer Anbieters Thurgau Travel, das über eine rollstuhlgängige Suite verfügt. Natürlich war ich nervös. Das bin ich meist, wenn ein lang gehegter Traum sich plötzlich erfüllt. Der Einstieg war nicht ganz einfach, eine ziemlich steile Rampe türmte sich vor mir. Doch flupps standen schon zwei Matrosen neben mir und hoben den Rollstuhl fachgerecht hinauf.
Die MS Antonio Bellucci hat eine grosszügige Reception. Von hier aus sind Restaurant und Bar problemlos mit dem Rollstuhl anzufahren. Auch die in einem solchen Schiff umwerfende Aussicht hinaus aufs Wasser ist vom Rolli aus gewährt. Die rollstuhlgerecht umgebaute Kabine befindet sich ein Stockwerk höher. Leider ist der Lift defekt. Ich hasse es, wenn mich Menschen im Rollstuhl Treppen rauf und runter schleppen. Es ist nicht nur gefährlich, ich finde es auch entwürdigend. Die überaus freundliche Schiffscrew fand nach etlichen Diskussionen eine zwar aufwändige, aber durchaus zufriedenstellende Lösung. Jedes Mal, wenn ich das Stockwerk wechseln wollte, musste der Bordmechaniker gerufen werden. Er begab sich dann in den Maschinenraum, hantierte an irgendwelchen Knöpfen und Schaltern, und der Lift fuhr tatsächlich genau dorthin, wo ich wollte.
Das Highlight der Reise
Das grosse Ereignis an dieser Kabine waren aber weder das King-Size-Bett noch das exquisite Interieur oder die tatsächlich barrierefrei benutzbare Nasszelle, nein das Ereignis waren die riesigen Fensterfronten. Genau darum habe ich von einer solchen Flussschiffsreise immer geträumt. Eine solche Fahrt bietet Meter für Meter die schönste Aussicht. Ganz egal, ob vom Kabinenfenster, dem Aussenbereich oder vom mit Treppenlift auch für mich mit Rollstuhl erreichbaren Oberdeck aus: man kann sich von überallher einfach nicht sattsehen. Die schönsten Landschaften werden einem gleichsam auf dem Serviertablett vorgeführt. Majestätisch gleiten sie an einem vorbei, immer abwechslungsreich, ohne sich zu wiederholen. Und alles in einem Tempo, welches zu Entspannung und Kontemplation – und vielleicht einem Apéro – geradezu einlädt.
Ganz klar, eine hundertprozentige Barrierefreiheit bietet eine Flussschifffahrt nie. Ein Lift kann defekt sein, ein Durchgang grenzwertig schmal, oder ganz wichtig: es ist möglich, dass an einer Anlegestelle das Schiff an ein anderes Schiff andocken muss, welches vorher schon da war. Die Passagierinnen und Passagiere müssen dann von ihrem Schiff über das andere an Land steigen. Das ist mit dem Rollstuhl nicht möglich. Es kann also durchaus sein, dass gewisse Anlegestellen nicht zugänglich sind. Ein Ausflug in das entsprechende Städtchen oder eine angekündigte Sehenswürdigkeit ist dann nicht möglich. Das muss man sich bewusst sein, wenn man sich auf dieses Abenteuer einlässt. Mir persönlich ist das egal.
Denn auch mit diesen Einschränkungen gehören Flussschiffreisen ab sofort zum Schönsten, was ich kenne. Am schlimmsten sind Flugreisen, endlose Wartereien, mühsamste Platzierung und immer zu wenig Platz. Zudem die dauernde Sorge, es überkäme einen plötzlich ein körperliches Bedürfnis. Oder der Rollstuhl käme nicht oder defekt am Zielflughafen an. Dann ist man wirklich aufgeschmissen. Reisen im Auto empfinde ich allein wegen dem Verkehr eher stressig und die Aussicht auf den Autobahnen ist ja meist auch nicht gerade umwerfend. In Flugzeug und Auto geht es im Grunde nur darum, Distanzen zu überwinden. Zug ist in Ordnung, solange es mit der Einstiegshilfe klappt und der für Rollstühle ausgesparte Platz nicht mit Gepäckstücken verstellt ist. Kreuzfahrten interessieren mich nicht, das Treiben dort stelle ich mir ähnlich vor wie auf einem Rummelplatz, und das Wasser hab ich irgendwann auch gesehen.
Auf dem Flussschiff aber, da ist allein schon die Reise das Ziel. Mit angezogener Bremse an meinem Rollstuhl, ohne die geringsten Anstrengungen und ohne irgendwelche fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, gleite ich durch die schönsten Gegenden, die wunderbarsten Landschaften und die malerischsten Ortschaften. Bequem, entspannt, kontemplativ. Eine Offenbarung für alle Sinne. Fürwahr eine Entdeckung.
Diese Reise fand auf Einladung von Thurgau Travel statt. Die barrierefreie Kabine auf der MS Antonio Bellucci kostet für die dreitägige Reise von Basel nach Strassburg ab 890 Franken pro Person. Buchbar unter www.procap-reisen.ch.
Weitere Tipps
Daniels Erfahrungen auf einer Flusskreuzfahrt liest du hier:
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