«Klein»? Na ja.
Elba. Napoleon wurde hierhin verbannt. Sicher schon mal gehört. Sicher auch, dass er kein Mountainbiker war, denn sonst hätte er wohl freiwillig bleiben wollen.
Die Insel ist mit rund 224 km² tatsächlich überschaubar. «Klein» steht hier aber bewusst in Anführungszeichen: Was Elba an fahrbaren (und stellenweise sehr unfahrbaren) Trails zu bieten hat, ist schlicht und ergreifend unverhältnismässig. Ich war eine knappe Woche lang im Mai 2026 gemeinsam mit Thomas Giger auf der Insel unterwegs. Thomas ist Herausgeber und Chefredaktor von RIDE, dem Schweizer Mountainbike-Magazin, das die Trails auf Elba für euch detailliert dokumentiert hat – dazu später mehr.
Was uns beiden von Anfang an klar war: Wer Elba mit dem Bike entdecken will, braucht ein E-MTB. Kein Nice-to-have. Ein Muss. Die Topografie ist gnadenlos: steil rauf, steil runter, Naturtrails mit losem Gestein, Felsplatten, tiefen Erosionsrinnen und Vegetation, die oft partout nicht den Weg ohne Widerstand freigeben will. Mit einem Bio-Bike sind viele der schönsten Trails kaum bis gar nicht fahrbar. Das ist keine Schwäche – das ist Realismus.
Base Camp: Camping Valle Santa Maria, Lacona
Jede gute Expedition braucht ein gutes Base Camp. Unseres war der Camping Valle Santa Maria in Lacona, im Süden der Insel. Und damit braucht es auch Gabriele.
Gabriele ist der Chef des Campings, ein Elba-Kenner durch und durch, Helfer in allen Lebenslagen – und selbst ein guter Biker. Wer wann welche Trails fahren soll, wo die wichtigen Abzweiger zu finden sind, wo man mittags richtig gut essen kann und wann der Wind oder die Sonne am Nachmittag zum Problem wird: Gabriele weiss es. Und er sagt es einem, ohne dass man dreimal fragen muss. So einen Menschen gleich am ersten Abend kennenzulernen, ist unbezahlbar.
Der Camping Valle Santa Maria ist auch sonst bestens aufgestellt: Ein feines Restaurant und ein kleiner Shop, der alles hat was man braucht, sorgen dafür, dass man am Abend nicht weit suchen muss, obwohl es in Lacona auch eine Reihe anderer guter Lokale gibt. Der schöne Sandstrand liegt direkt vor der Tür. Und das Beste für alle Bikerinnen und Biker: Eine absperrbare, riesige Bikebox mit Ladestation, Werkzeug und Waschstation. Wer einmal versehentlich sein E-MTB ohne Steckdose übernachten lassen hat, weiss, was das wert ist.
Dazu kommen einige sehr ansprechend Trails direkt ab dem Camping – man muss also nicht einmal ins Auto steigen, um die ersten Meter Trail unter die Stollen zu nehmen.
Von Lacona aus ist grundsätzlich die ganze Insel gut erreichbar – aber man sollte wissen: Elba ist zwar klein, aber die Strassen sind kurvig, eng und richtig bergig. Bis nach Sant’Andrea im Nordwesten fährt man von hier gut eine Stunde. Mit dem Auto wohlgemerkt. Nach Capoliveri im Südosten, gefühlt um die Ecke, sind es knappe dreissig Minuten. Ein Auto oder ein Bikeshuttle ist deshalb praktisch unverzichtbar, wenn man das ganze Insel-Potenzial ausschöpfen möchte.
Marciana Rockgarden – Willkommen in der Wirklichkeit
Der erste Tag war gleich eine richtige Ansage. Der Marciana Rockgarden / Neviera-Trail im Nordwesten der Insel ist nichts für schwache Nerven. Felsplatten, die sich endlos den Hang entlangziehen. Technische Passagen, die volle Konzentration verlangen. Und Ausblicke, die einen kurz innehalten lassen – was angesichts des Untergrunds eigentlich keine gute Idee ist. Der Nordwesten ist generell das Anspruchsvollste, was Elba zu bieten hat. Wer dort unterwegs ist, verlässt die Komfortzone. Weit.
Am Abend: Beine und Kopf aus. Regeneration eingeleitet.
Monte Calamita – Die Halluzination
Der Südzipfel der Insel ist auch der Ursprung allen Mountainbikens auf Elba – hier warten die Monte Calamita Supertrails.
Und da war es dann: dieses Bild, das man nicht mehr loswird. Die Landzunge rund um den Monte Calamita war über Jahrhunderte ein Bergbaurevier. Eisenerz. Heute sind die Anlagen verlassen, die Gebäude verfallen, die Ruinen überwuchert. Was bleibt, ist eine der irrwitzigsten Farbkombinationen, die ich je in der Natur gesehen habe: der rote, eisenhaltige Boden. Die saftige grüne Vegetation. Die rostig-schwarzen Silhouetten der Industrieruinen. Und dahinter das tiefblaue Meer. Eine Halluzination kann kaum heftiger sein.
Die Trails dort sind – im Vergleich zum Nordwesten – flüssiger und angenehmer zu fahren. Singletrails, die sich durch die ehemaligen Bergbauanlagen schlängeln, mit schönem Flow und immer wieder kleinen technischen Einlagen. Genau richtig für etwas Abwechslung.
Michele: Der Mann, der die Insel kennt
Es gibt Menschen, denen man begegnet, und danach ist die Reise eine andere. Michele ist Polizist auf Elba. Er ist auch einer der besten Mountainbiker der Insel. Er kennt praktisch jeden Trail, jede Abkürzung, jede Abfahrt – in einem Detailgrad, der einem schlicht den Atem verschlägt. Früher hat er als Bikeguide gearbeitet und die Insel aus Bikersicht vermessen, heute fährt er vorwiegend privat.
Mit ihm gemeinsam auf der Insel unterwegs zu sein, ist eine echte Freude. Nicht nur wegen seines Wissens, sondern weil er einfach ein ausgesprochen sympathischer, herzlicher Mensch ist.
Falls ihr auf Elba seid und das Glück habt, Michele zu treffen: Überredet ihn zu einer gemeinsamen Tour. Dann ist ein toller Biketag garantiert.
Das Revier: Was Elba wirklich ist
Elba ist kein gebauter Bikepark. Hier gibt es keine perfekt geformten Berms und sorgfältig gerakte Trails – zumindest nicht überall. Was Elba hat, ist Natur. Echte, wilde, unberechenbare Natur.
Die Trails sind grösstenteils gewachsen, nicht gebaut. Steine und Felsen liegen auf dem Weg, Vegetation hängt ins Geläuf, Wege sind ausgewaschen und mit tiefen Furchen durchzogen. Der Untergrund wechselt je nach Insel-Region komplett: felsig, sandig, lehmig-rot, steinig-lose.
Die einzige Ausnahme ist der Capoliveri Bike Park im Südosten – der ist gepflegt, die Trails sind verhältnismässig einfacher fahrbar und ideal für alle, die sich erst einmal warm fahren wollen oder deren Mut schon dort aufgebraucht ist.
Für alle anderen: Willkommen in der Wildnis.
Das Bier danach
Es gibt einen Moment auf Elba, der alles zusammenfasst. Man kommt zurück vom Trail. Die Beine sind leer, der Helm staubig, der Akku des E-MTBs im roten Bereich. Bike abstellen, Schuhe ausziehen und die Füsse in den Sandstrand graben – und irgendwer stellt ein elbanisches Bier neben dich.
Dann lässt man den Tag einfach passieren. Die Sonne trocknet den letzten Schweiss. Das Meer glänzt. Niemand sagt irgendetwas Wichtiges.
Einfach schön.
Travelistas Tipp: Reka Ortano Mare: Für alle, die’s komfortabler mögen
Wer nicht zelten möchte, nicht mit dem Campervan anreist oder in einer der praktischen Glampingunterkünfte im Camping Valle Santa Maria übernachten möchte und etwas mehr Komfort sucht: Das Reka-Feriendorf Ortano Mare an der Nordostküste der Insel ist eine tolle Option.
Die Anlage wurde 2026 von Reka neu übernommen und liegt direkt an einer wunderschönen Bucht – mit direktem Zugang zu einigen Trails und perfekt gelegen für den spannenden Nordosten der Insel mit seinen schönen Naturtrails und dem roten Bergbausee Laghetto delle Conche.
Praktische Infos
Beste Reisezeit: Mai/Juni oder September/Oktober – die Hitze im Hochsommer macht die steilen Anstiege zur Qual.
Anreise: Mit dem Auto oder Zug nach Piombino Marritima, dann mit der Fähre nach Portoferraio (ca. 1 Stunde) oder einen anderen Hafen.
Mobilität vor Ort: Auto oder Bikeshuttle – die Insel ist zwar nicht riesig, aber um die Vielfalt der Trails zu erleben braucht es eine Möglichkeit zum Biketransport.
E-MTB: Auf Elba praktisch ein Muss. Verleih vor Ort vorhanden.
Base Camp: Camping Valle Santa Maria, Lacona – sehr empfehlenswert. Feines Restaurant, Shop, Sandstrand, Trails direkt ab Camping, absperrbare Bikebox mit Ladestation, Werkzeug und Waschstation.
Komfort-Option: Reka Feriendorf Ortano Mare, neu übernommen von Reka 2026.
Trail-Details: Alle Tourenbeschreibungen, Karten und GPX-Tracks gibt es bei RIDE. Thomas Giger und sein Team haben die Trails im Spotguide Elba penibel dokumentiert. Im Ride N° 104 – Juli 2026 gibt’s übrigens auch die Reportage zu dieser Tour. Am Camping Valle Santa Maria gibt es auch eine grosse Karte mit Tourentipps.
Zum Weiterlesen
Nach dem Biken braucht es eine Stärkung. Gut, dass Elba auch kulinarisch sehr viel zu bieten hat:
Und wenn du die Insel lieber zu Fuss entdeckst, ist die Grande Traversta Elbana eine gute Wahl:

