Reisen im Rollstuhl – immer eine Herausforderung

Alex Oberholzer in Turin
Reisen bedeutet Freiheit, neue Eindrücke und eine Pause vom Alltag. Für Menschen im Rollstuhl ist diese Freiheit jedoch oft mit zusätzlicher Planung und vielen Unsicherheiten verbunden. Fragen zur Zugänglichkeit von Verkehrsmitteln, Hotels oder Sehenswürdigkeiten müssen im Voraus geklärt werden – und trotzdem läuft nicht immer alles wie geplant.

Von Alex Oberholzer

Für die meisten Menschen gelten Reisen und Ferien als die schönste Zeit im Jahr. Endlich ausspannen, weg vom Alltag, endlos Sonne auf die Haut, frische Bergluft, kühles Meerwasser. Den Träumereien sind keine Grenzen gesetzt. Auch wenn die Realität mit verstopften Verkehrswegen und überfüllten Hotels dieser Fantasie oft etwas hinterherhinkt, freuen wir uns dennoch immer wieder darauf.

Für Menschen mit einer Behinderung sind Reisen und Ferien genauso schön, aber auch überaus anspruchsvoll. Weil wir so individuell sind, ist zu Hause alles für uns eingerichtet, auf uns abgestimmt. Ein feingliedrig ineinandergreifendes System von verschiedenen Akteuren ermöglicht unseren Alltag.

Alex Oberholzer unterwegs

Auf Reisen und in den Ferien funktioniert dieses System nicht, da sind wir wieder auf unsere Individualität zurückgeworfen. Alles muss perfekt geplant und organisiert sein. Sind die Verkehrsmittel zugänglich? Liegt das Hotel in Rolldistanz zum Strand? Ist die Dusche zugänglich? Und die WC-Türe breit genug? Das sind nur drei von 1000 Fragen, welche vor einer Ferien- oder Wochenendreise beantwortet werden müssen.

Und oft, wenn die Antwort positiv und schwarz auf weiss vorliegt, kommt in der Realität dann doch alles anders. Das als voll zugänglich angepriesene Hotel in London etwa verfügte zwar über einen Lift und extrabreite Türen – aber vor dem Haupteingang türmten sich sechs majestätische Treppenstufen. Zum Glück hatte ich über eine Reiseagentur gebucht, sie vermittelte gleichentags eine viel teurere, voll zugängliche Alternative – ohne den Aufpreis zu verrechnen. Immerhin.

Einmal reservierte ich im Fernzug Zürich – Hamburg – Zürich, 1. Klasse, selbstverständlich das Rollstuhlabteil. Weil es nur wenige Rollstuhlplätze gibt, reserviere ich jeweils Wochen im Voraus. Ich hatte also meine Billette inklusive Platz-Reservationen. Da internationale Züge nicht niederflurig unterwegs sind, bestellte ich in Zürich auch eine Einstiegshilfe. Die bekomme ich als Mensch mit Einschränkung von der SBB geliefert, da diese nicht voll zugänglich ist. Als ich die Einstiegshilfe auf dem Perron antraf und ihr sagte, ich hätte den Rollstuhlplatz in der 1. Klasse reserviert, da meinte der nette Herr überrascht, in diesem Zug gäbe es in der 1. Klasse gar keinen Rollstuhlplatz. Nur einen in der 2. Wenn dieser reserviert sei, könne er mich nicht in den Zug heben.

Alex Oberholzer unterwegs
Alex Oberholzer unterwegs

Für mich eine Katastrophe. Ich hatte einen Auftrag in Hamburg zu erfüllen, dort den für mich notwendigen Abholdienst organisiert und ein Hotel reserviert. Die Aussicht, allenfalls nicht mitfahren zu können, liess mich erschauern. Ich hatte Glück, der Rollstuhlplatz in der 2. Klasse war frei. Bis Hamburg. Dort angekommen, erkundige ich mich noch auf dem Bahnhof, wie das jetzt sei mit der Rückfahrt in drei Tagen, auch da hätte ich den Rollstuhlplatz in der 1. Klasse reserviert. Anstandslos buchten sie mich um in die 2. Klasse, ich hatte Glück, der Rollstuhlplatz war noch frei.

Natürlich informierte ich die SBB nach meiner Rückkehr in die Schweiz und erkundigte mich, warum so ein massiver Fehler bei der Reservation über ihren Schalter vorkommen konnte. Man entschuldigte sich und versprach Klärung. Drei Wochen später bekam ich eine Tageskarte geschenkt und die Mitteilung, man habe tatsächlich drei Systemfehler entdeckt und dank meiner Reklamation jetzt ausgemerzt. Ob es jetzt funktioniert, habe ich seither nicht ausprobiert. Ich hoffe es mal für all meine Kolleginnen und Kollegen mit Handicap.

Unangenehm auch das Erlebnis vergangenen Winter. Ich war in Davos, realisierte erst dort, dass ich in einem Schoppyland gelandet war statt in einem Winterkurort und wollte auf die Schatzalp flüchten. Ich rollte also zur Talstation und fragte am Schalter nach einem Ticket auf dich Schatzalp. Hochnäsig wurde mir zugerufen: «Nicht zugänglich für Rollstuhl. Der Nächste bitte!» Keine Entschuldigung, es tut uns Leid, wir sind daran, das Problem zu lösen…. Nichts, einfach kalt und schnöde abserviert. Das tut weh.

Aber es gibt auch das Gegenteil, überaus freundliche Hilfestellungen. Letzthin auf dem völlig verstopften Bahnhof von Mailand war an ein Vorwärtskommen nicht mehr zu denken. Jede Bewegung unmöglich. Erst recht im Rollstuhl. Plötzlich standen vier Security-Beamte mit Trillerpfeifen im Mund rund um mich herum und schoben, ruckelten und dirigierten mich in den längst abfahrtbereiten Zug nach Chiasso. Ich war – im Rollstuhl – der einzige, der noch (den selbstverständlich vorgängig reservierten) Platz bekam im völlig verstopften Zug in die Schweiz. Dank den furiosen Securities mit ihren Triller-Pfeifen.

Das und ähnliches passiert, wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Dennoch oder darum lasse ich mich nicht entmutigen, ich bin überzeugt, Ärger und Mühsal lohnen sich. Denn auf Reisen und in den Ferien, da brechen wir aus, aus dem engen Korsett unseres Alltags. Und erhalten so die Chance, eine ganz neue Freiheit zu entdecken. Frustrationen sind möglich, Freude aber ist meist garantiert. Und darum lasse ich mich immer wieder darauf ein – und lasse dich ab jetzt an dieser Stelle regelmässig daran teilhaben.

Alex-Oberholzer_Portrait©Zeljko Gataric
Alex Oberholzer Portrait ©Zeljko Gataric

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