In den Gärten des Amolaris stehen Tische aus dunklem Walnussholz. Über fünfzig Jahre stand der Baum an der Einfahrt zum Hof, bevor das Gelände neu gestaltet wurde. Sein Holz landete nicht im Kamin, sondern in der Werkstatt – und kam als Möbelstück zurück. Heute frühstücken Gäste an genau diesem Holz, mit Blick in den eigenen Garten, ohne zu ahnen, dass der Baum schon dastand, lange bevor es das Amolaris in seiner heutigen Form überhaupt gab.
Woher der Name Amolaris kommt
Die Geschichte beginnt lange vor dem ersten Gast. 1779 taucht in alten Urkunden erstmals die «Musmühle zu Schanzen» auf, eine Getreidemühle, an der Bauern aus der ganzen Umgebung ihr Korn mahlen liessen. Später wurde aus dem Schanzenhof die «Obermühle zu Schanzen» – bis ein Brand das Gebäude bis auf die Grundmauern zerstört. Erhalten blieben nur die alten Mühlsteine.
Genau darin steckt der Name Amolaris: Das italienische Wort «mola» bedeutet Mühlstein. Was auf den ersten Blick wie ein Fantasiename klingt, ist in Wirklichkeit eine Verbeugung vor dem, was auf diesem Grund stand, bevor hier je ein Gast übernachtete.
Von der Asche zur ersten Frühstückspension
Adolf Kaserer, Jahrgang 1929, hatte den kleinen Hof samt Mühle bereits als junger Mann übernommen, als ein weiterer Brand seine Pläne zunichtemachte. Was folgte, war Wiederaufbau statt Aufgeben. Als Rosa, aufgewachsen auf dem nahen Pulthof, seine Frau wurde, packten die beiden gemeinsam an. 1970 eröffneten Rosa und Adolf eine Frühstückspension mit sechs Zimmern, aus denen bald acht wurden.
Was heute selbstverständlich klingt, war damals eine kleine Sensation: Das Haus der Kaserers war der einzige Betrieb im ganzen Dorf, in dem jedes Zimmer eine eigene Dusche und ein eigenes WC hatte. Rosa kümmerte sich um die Gäste und die kleine Landwirtschaft, Adolf ging daneben noch auswärts arbeiten.
Eine Familie baut weiter, Generation für Generation
1986 übergaben Rosa und Adolf die Verantwortung an Wally und Martin. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten die beiden die kleine Pension Schritt für Schritt weiter und führten damit fort, was die Generation vor ihnen begonnen hatte.
Dabei blieb die Mühlengeschichte auch im Familienleben präsent. Die heutige Mühle auf dem Gelände wurde von Adolf gemeinsam mit seinem Sohn Martin und seinen Enkeln errichtet. Sie ist also nicht das ursprüngliche Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, sondern eine jüngere Fortsetzung der Geschichte. Ein Ort, den mehrere Generationen der Familie gemeinsam geschaffen haben und der die Verbindung zur Vergangenheit bis heute sichtbar macht.
Der nächste grosse Schritt sollte das Amolaris schliesslich grundlegend verändern.
Der Sprung in eine neue Architektur
Für das Bauprojekt, das aus der Frühstückspension das heutige Amolaris machen sollte, schrieb die Familie Kaserer einen Planungswettbewerb aus. Gewonnen haben ihn die Latscher Architekten Florian Holzknecht und Thomas Stecher von hs architects. Ihr Konzept setzte nicht darauf, möglichst viele Zimmer auf dem Grundstück unterzubringen. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, wie jeder Gast möglichst viel eigenen Raum und Privatsphäre bekommen kann.
Ein Teil der hofeigenen Obstanlage machte dafür Platz. 2020, genau 50 Jahre nach der Eröffnung der ursprünglichen Frühstückspension, war das neue Amolaris fertig.
Acht Lodges verteilen sich heute über das Grundstück. Jede besitzt ihren eigenen geschützten Bereich und öffnet sich mit viel Glas zum Garten und zur Landschaft. Naturbelassenes Fichtenholz, Schwarzstahl und ruhige Farbtöne geben der Architektur ihren zurückhaltenden Charakter.
In der Mitte liegt der Naturbadeteich. Und selbst dort begegnet einem wieder die Vergangenheit des Hauses: Unter der Wasseroberfläche liegt, fast verborgen, einer der alten Mühlsteine.
So steht das heutige Amolaris nicht neben seiner Geschichte. Die Geschichte wurde Teil des neuen Hauses.
Mehr entdecken Goldrain, Martelltal und Vinschgau
Wer im Amolaris übernachtet, befindet sich mitten in einer der vielseitigsten Landschaften Südtirols. Goldrain liegt im mittleren Vinschgau in der Ferienregion Latsch Martelltal. Apfelgärten und der trockene Vinschger Sonnenberg prägen den Talboden, während wenige Kilometer weiter das hochalpine Martelltal beginnt. Wer etwas länger bleibt, sollte deshalb nicht nur das Amolaris, sondern auch seine Umgebung entdecken.
Goldrain: kleines Dorf mit überraschend viel Geschichte
Das Amolaris liegt in Goldrain, einer Fraktion der Gemeinde Latsch am Fuss des Vinschger Sonnenbergs. Der Ort ist klein und von Obstgärten geprägt, besitzt aber mit Schloss Goldrain eines der wenigen erhaltenen Renaissancebauwerke Südtirols. Heute wird das Schloss als Bildungs- und Kulturzentrum genutzt.
Rund um Goldrain lässt sich die Landschaft auch zu Fuss entdecken. Eine Möglichkeit ist der Goldrainer Panoramaweg, der durch die Umgebung oberhalb des Dorfes führt und immer wieder den Blick auf den Vinschgau öffnet. Gerade für einen ruhigen Vormittag oder eine kleine Runde vor dem Abendessen muss man vom Amolaris aus also nicht weit fahren.
Latsch und die Waalwege des Vinschgaus
Nur wenige Kilometer von Goldrain entfernt liegt Latsch. Die Gegend ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen und Velotouren und besonders für ihre Waalwege bekannt. Diese historischen Bewässerungswege verlaufen entlang alter Wasserkanäle und führen meist mit wenig Steigung durch die trockenen Hänge des Vinschgaus.
Zu den bekannten Routen gehört der Latschanderwaal. Der Weg ist rund 5,7 Kilometer lang und lässt sich gut mit einem Besuch in Latsch verbinden. Wer lieber Höhe gewinnt, kann von Latsch mit der Seilbahn nach St. Martin im Kofel fahren. Der kleine Bergweiler liegt hoch über dem Tal und eröffnet weite Ausblicke über den mittleren Vinschgau.
Travelistas Tipp: Noch mehr Ideen für Ausflüge, Genuss und Ferien im Tal findest du in unserem Beitrag Vinschgau: Ferien im Garten Eden .
Vom Apfelgarten in die Hochalpen: das Martelltal
Einer der spannendsten Gegensätze der Region beginnt praktisch vor der Haustür. Von Goldrain führt die Strasse über Morter hinein ins Martelltal. Während unten im Tal Apfelgärten das Landschaftsbild bestimmen, wird die Umgebung mit jedem Kilometer alpiner.
Das Martelltal reicht tief in den Nationalpark Stilfserjoch hinein und gehört zu den eindrucksvollsten Seitentälern des Vinschgaus. Wanderwege führen durch Wälder und alpine Landschaften bis in die Bergwelt der Ortlergruppe. Ein bekanntes Ziel ist der Zufrittsee auf rund 1'850 Metern Höhe, umgeben von Bergen und Ausgangspunkt für zahlreiche Touren.
Bekannt ist das Martelltal auch für seine Erdbeeren. Durch die Höhenlage reicht der Anbau weit hinauf ins Tal. Wer die Region im Sommer besucht, begegnet der Marteller Erdbeere deshalb nicht nur auf Feldern, sondern auch in Hofläden, Restaurants und bei regionalen Veranstaltungen.
St. Martin im Kofel: Aussicht über den Vinschgau
Einen ganz anderen Blick auf die Umgebung bietet St. Martin im Kofel. Der kleine Weiler liegt hoch über Latsch am Sonnenberg und ist bequem mit der Seilbahn erreichbar. Oben angekommen, führen verschiedene Wanderwege entlang der trockenen Hänge und zu alten Bergbauernhöfen.
Besonders schön ist der Kontrast: Unten erstrecken sich Obstgärten und Dörfer entlang der Etsch, während auf der gegenüberliegenden Talseite die bewaldeten Hänge und dahinter die hohen Berge des Vinschgaus aufsteigen. Wer nicht gleich eine lange Bergtour unternehmen möchte, bekommt hier mit vergleichsweise wenig Aufwand viel Panorama.
Den Vinschgau ohne Auto entdecken
Auch für Ausflüge ohne Auto liegt Goldrain praktisch. Der Ort besitzt einen Bahnhof an der Vinschgerbahn, die durch das Tal führt. Von hier lassen sich weitere Orte im Vinschgau mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Zusätzlich verbindet eine Buslinie Goldrain mit dem Martelltal.
Dadurch lässt sich ein Aufenthalt gut aufteilen: einige Tage rund um Goldrain und Latsch, ein Ausflug in das Martelltal und zwischendurch eine Fahrt durch den Vinschgau. Wer danach ins Amolaris zurückkehrt, versteht auch besser, warum Apfelgärten, Berge und Landwirtschaft für die Geschichte der Familie Kaserer eine so wichtige Rolle spielen.
Drei Generationen unter einem Dach
Heute stehen Katharina, Wally und Martin Kaserer für das Amolaris. Und obwohl sich seit der kleinen Frühstückspension von 1970 vieles verändert hat, ist die Familie im Alltag des Hauses weiterhin präsent.
Katharina kümmert sich um die Gäste, die Reservierungen und das Marketing. Sie gibt Restaurantempfehlungen, kennt die Ausflugsziele der Umgebung und weiss, welche Wanderung sich je nach Wetter gerade besonders lohnt.
Wally begegnet man spätestens am Morgen. Sie bereitet das Frühstück zu, das im Atrium oder bei schönem Wetter auf der Terrasse am Naturbadeteich serviert wird.
Martin wiederum ist eng mit der Landschaft rund um das Haus verbunden. Als Biolandwirt kümmert er sich um die Apfelgärten und nimmt interessierte Gäste bei der Apfelakademie mit in die Anlagen.
Jede Generation hat das Amolaris auf ihre Weise geprägt. Rosa und Adolf legten mit ihrer Frühstückspension den Grundstein. Wally und Martin entwickelten den Betrieb weiter. Heute führt Katharina diese Geschichte gemeinsam mit ihren Eltern fort.
Acht Lodges, sechs Suiten: Wie sich ein Aufenthalt anfühlt
Mehr als 28 Gäste beherbergt das Amolaris zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig – bei acht Lodges und sechs Suiten im Guesthouse eine bewusste Entscheidung.
Jede Lodge verfügt über einen rund 100 Quadratmeter grossen, von aussen nicht einsehbaren Garten mit eigener Sauna und eigenem Whirlpool. Wellness findet damit nicht in einem zentralen Spa-Bereich statt, den man sich mit anderen Gästen teilt, sondern direkt hinter der eigenen Terrassentür. Wer nach einer Wanderung zurückkommt, muss kein Zeitfenster buchen, sondern geht einfach hinaus.
Die sechs Suiten im ursprünglichen Guesthouse erzählen dagegen das ältere Kapitel derselben Geschichte: das Haus, in dem 1970 die ersten Gäste übernachteten. Hier liegen auch der kleine Innenpool und ein Wellnessbereich, einige Suiten verfügen über eine eigene Sauna auf dem Balkon oder eine Infrarotliege.
Frühstück, wie es nur Wally kann
Auf dem Frühstücksbuffet stehen Brot aus dem Vinschgau, hausgemachte Marmeladen, regionales Obst sowie Käse- und Wurstspezialitäten aus Südtirol – vieles davon stammt aus der unmittelbaren Umgebung. Wer den Morgen lieber allein beginnen möchte, bestellt gegen Aufpreis eine Frühstückskiste direkt in die Lodge.
Eine klassische Halbpension gibt es bewusst nicht. Katharina kennt die Umgebung wie ihre rechte Hosentasche und empfiehlt Adressen in der Nähe und übernimmt auf Wunsch auch gleich die Reservierung.
Was direkt vor der Tür liegt
Goldrain liegt mitten im Vinschgau, in der Ferienregion Latsch-Martelltal, umgeben von Apfelanlagen, Burgruinen und historischen Wanderwegen. Der Bahnhof Goldrain ist nur wenige Gehminuten entfernt, mit dem im Aufenthalt inbegriffenen Südtirol Guest Pass reisen Gäste kostenlos mit Bus und Bahn – etwa mit der Vinschgerbahn nach Meran, das rund 30 Kilometer entfernt liegt.
Wer sich stärker für das unmittelbare Umfeld interessiert, geht mit Martin durch die Apfelgärten. Auch beim Naturbadeteich zeigt sich der Umgang mit der Umgebung: Das Wasser wird ohne Chemie gereinigt, im Garten gibt es Kräuterbeete und naturnahe Flächen für Insekten und Wildbienen.
Amolaris auf einen Blick
- Lage: Goldrain, Ferienregion Latsch-Martelltal, Vinschgau, Südtirol
- Ursprung: Musmühle zu Schanzen, erstmals urkundlich erwähnt 1779
- Frühstückspension seit: 1970, gegründet von Rosa und Adolf Kaserer
- Heutige Architektur seit: 2020, entworfen von hs-architects (Florian Holzknecht, Thomas Stecher)
- Unterkünfte: 8 Lodges mit je 100 m² privatem Garten, Sauna und Whirlpool; 6 Suiten im Guesthouse
- Kapazität: maximal 28 Gäste gleichzeitig
- Gastgebende: Katharina, Wally und Martin Kaserer
Für wen sich das Amolaris eignet
Am meisten Freude am Amolaris haben Reisende, die Südtirol ruhig erleben wollen und ein kleines Haus einem grossen Resort vorziehen. Paare, denen Privatsphäre wichtiger ist als ein volles Animationsprogramm. Und alle, die gutes Design schätzen, aber nicht in einem Hotel übernachten wollen, das nur über seine Einrichtung funktioniert.
Auch als Ausgangspunkt für aktive Tage eignet sich das Haus gut: Wandern, Velofahren oder ein Ausflug nach Meran lassen sich problemlos mit ruhigen Stunden im eigenen Garten kombinieren. Für einen ersten Aufenthalt lohnt sich besonders eine Lodge – auch wegen Sauna und Whirlpool, aber vor allem weil sich dort die Grundidee des Hauses am unmittelbarsten erleben lässt: viel eigener Raum, die Landschaft direkt vor der Tür und trotzdem die Familie Kaserer in der Nähe, falls doch noch ein Tipp gebraucht wird.
Unser Travelistas-Fazit
Was das Amolaris von vielen anderen Hotels unterscheidet, ist nicht die Architektur allein. Es ist die Geschichte, die sich hinter diesem Ort verbirgt und die von der Familie Kaserer bis heute weitergeschrieben wird.
Da ist die frühere Mühle, die dem Amolaris seinen Namen gab. Da sind die erhaltenen Mühlsteine. Die heutige Mühle, die mehrere Generationen gemeinsam errichtet haben. Der Walnussbaum, der Jahrzehnte am Hof stand und heute als Möbelstück weiterlebt. Und eine Familie, die hier bereits Gäste empfing, lange bevor die ersten Lodges geplant wurden.
Gleichzeitig ist aus dieser Vergangenheit etwas sehr Gegenwärtiges entstanden. Acht moderne Lodges, sechs Suiten, viel Privatsphäre, ein eigener Garten und die Landschaft des Vinschgaus direkt vor der Tür.
Das Amolaris versucht dabei nicht, seine Geschichte zu inszenieren. Vieles entdeckt man erst, wenn man genauer hinschaut oder mit der Familie ins Gespräch kommt. Vielleicht ist genau das sein besonderer Reiz.
Wer heute hier übernachtet, kommt wegen des Amolaris nach Goldrain. Man reist aber mit dem Gefühl wieder ab, auch ein Stück der Geschichte dieses Ortes kennengelernt zu haben.

