Von Anita Suter
Mit 2’600 Kilometern Länge ist der «Wild Atlantic Way» die längste ausgeschilderte Küstenstrasse der Welt. Sie schlängelt sich im Westen Irlands vom südlichen Küstenstädtchen Kinsale bis ins nördliche Inishowen. Den Wild Atlantic Way in seiner ganzen Länge zu befahren, wäre mit Sicherheit ein grandioses Abenteuer. Doch wie heisst es so schön? Manchmal ist weniger mehr (und die Zeit noch dazu knapp). Mit Westport als Basislager habe ich mich deshalb auf das County Mayo beschränkt – und bin dabei nicht nur entlang des Wild Atlantic Way einem Highlight nach dem nächsten begegnet. Hier sind meine Top 7!
1. Achill Island: Auf den Spuren der Piratenkönigin Granuaile
Gleich am ersten Tag steuere ich mein erstes Ziel am Wild Atlantic Way an: Achill Island. Die Insel ist über eine Brücke erreichbar und beschert mir auf der verwaisten Landstrasse die ersten Schafe vor der Kühlerhaube. Irland, wie aus dem Bilderbuch!
Aufgrund der fotogenen Landschaft und des einen oder anderen Vierbeiners auf der schmalen Strasse komme ich nur langsam vorwärts. Macht nichts! Mit Granuaile’s Tower in Kildavnet erreiche ich mein erstes Etappenziel. Das Turmgebäude aus dem 15. Jahrhundert soll einst zum Reich der sagenumwobenen «Piratenkönigin» Granuaile – auch bekannt als Gráinne oder Grace O’Malley – gehört haben. Ich werde ihr auf meiner Reise noch mehrfach begegnen und dabei zum Schluss kommen: Vielmehr als eine Piratin, war Granuaile eine gewiefte, wenn auch wenig zimperliche Geschäftsfrau.
Je weiter ich dem Wild Atlantic Way an der Küste von Achill folge, desto dramatischer wird die Kulisse. Steil fallen die Klippen zur Linken ins dunkelblaue Meer hinab. Die Trampelpfade, die bis an den Abgrund führen, sollte man deshalb besser mit Vorsicht geniessen. Aber auch von der Strasse aus ist der Ausblick schlicht filmreif. Das hat auch Hollywood gemerkt: Hier wurden Teile des Oskar-nominierten Films «The Banshees of Inisherin» (2022) gedreht. An den besonders ikonischen Drehorten sind entsprechende Hinweistafeln angebracht.
2. Tour auf der Austernfarm
Der Kulinarik wegen bin ich eigentlich nicht nach Irland gereist. Vielleicht hat sie mich gerade deshalb so positiv überrascht. Für einen Seafood-Fan entpuppt sich die Region nämlich als wahres Eldorado. Fast überall stehen fangfrischer Fisch, Muscheln und Austern auf der Speisekarte. Kein Wunder, hat sich die Tour bei Croagh Patrick Seafood – ein kleiner Abstecher von der Route zwischen Westport und Achill – als eines der ganz grossen Highlights entpuppt.
Das hat viel mit der herzlichen und authentischen Art zu tun, mit der der Austern- und Muschelfarmer Padraic Gannon seinen Gästen von seinem Handwerk und der Geschichte der hiesigen Austernzucht erzählt. Der sympathische Bauer wird dem Ruf seiner Landsleute als Meisterinnen und Meister des Geschichtenerzählens mehr als gerecht. Die zum Abschluss gereichten rohen und gegrillten Austern könnten frischer nicht schmecken.
3. Oileánn Chloigeann: Wilder Strand im Norden
An den Strand bei Oileánn Chloigeann bin ich eher zufällig geraten. Er war als ‘Wild Atlantic Discovery Point’ ausgeschildert – also bin ich der einsamen, schmalen Landstrasse gefolgt, ohne genau zu wissen, wo sie mich hinführt. Ein absoluter Glücksgriff!
Hier, im Nordwesten Mayos, wird der wilde Atlantik seinem Namen so richtig gerecht: Der Wind peitscht, die Wellen donnern mit schäumenden Kronen an den Strand, die raue Natur zeigt sich in all ihren kraftvollen Facetten. Doch nur ein paar Schritte über die Dünen, und das Gegenteil ist der Fall. In der windstillen Binnenbucht hat sich das Wasser mit der Ebbe zurückgezogen. Zurückgeblieben sind «Tidepools» – sogenannte Gezeitentümpel.
Wie eine Schatzsucherin mustere ich ein Wasserloch nach dem anderen, erspähe darin Muscheln, die spiralförmigen Häuschen von Wasserschnecken, und vereinzelte vor sich hin schwappende Quallen mit langen, fädigen Armen. Sie warten darauf, dass mit der nächsten Flut das Wasser – und hoffentlich auch der Weg zurück in den grossen weiten Atlantik – zurückkommt. Faszinierend!
4. Kaffee und Kuchen im Wild Nephin Nationalpark
Den wohl weltbesten Apfelkuchen (einen «Traditional Irish Apple Pie») entdecke ich dort, wo man ihn nicht unbedingt erwarten würde: im Besucherzentrum eines Nationalparks. Dass es im Ginger & Wild Café, untergebracht im auch architektonisch äusserst spannenden Besucherzentrum des Wild Nephin Nationalparks, himmlisches Gebäck gibt, ist unter Touristinnen und Touristen wie auch Einheimischen längst kein Geheimnis mehr. Auch die spannende Ausstellung zur Flora und Fauna des Parks lohnt den kleinen Roadtrip abseits des Wild Atlantic Way.
Kleiner Wehmutstropfen: Weil es draussen wie aus Kübeln schüttet, muss das Wandern vertagt werden. Schlimm ist das nicht. Denn peitscht der Regen gegen die Fenster, schmeckt der Kuchen gleich noch ein bisschen besser.
5. Westport: Pubs wie aus dem Bilderbuch
Das kleine, bunte Städtchen Westport – eine der wenigen Planstädte Irlands – ist nicht nur hübsch anzuschauen. Mit einer ganzen Reihe an gemütlichen Pubs, einer lebendigen Restaurantszene, seinen Boutiquen und Galerien, lädt es auch zum Flanieren und Verweilen ein.
In Westport spielt insbesondere abends die Musik auf – wortwörtlich. In den meiner Meinung nach ausgesprochen stimmungsvollen und urgemütlichen Pubs stehen täglich Live-Darbietungen auf dem Programm. Das J.J. O’Malley’s ist mit seinem dunklen Holzinterieur und den vielen alten Fotografien und Memorabilien an den Wänden genauso, wie man sich ein irisches Pub vorstellt. Und damit fast schon ein bisschen kitschig. Ebenfalls empfehlenswert sind das Porterhouse sowie Matt Molloy’s. Letzteres ist insbesondere für seine legendären «Trad Music Sessions» weit über Westport hinaus bekannt – allerdings kann es dann ganz schön eng werden.
6. Wanderung auf Clare Island
Kleine Inseln haben mich schon immer fasziniert. Ehrensache also, dass ich nach dem eindrücklichen Achill auch Clare Island ansteuere. Auf dem kleinen, hügeligen Eiland, Einwohnerzahl zirka 140, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Passend dazu lässt sich Clare Island am besten gemächlich zu Fuss oder mit einem (Miet-) Velo erkunden.
Ich entscheide mich für Ersteres und besuche auf einem etwa zweistündigen Rundweg Granuaile’s Castle – ein weiterer Wirkungsort der berühmten «Piratin» – sowie die Klosterruine St. Brigid’s Abbey. Am Wegesrand meiner Wanderung auf Clare Island begegne ich nicht nur Schafen, sondern auch Pferden. Und einmal kann ich sogar einem flinken Hirtenhund bei seiner Arbeit zusehen.
Hinter Granuaile’s Burg, praktischerweise gleich beim Pier gelegen, führt ein kurzer, steiler Abstieg zu einer wunderschönen kleinen Badebucht. Beim Anblick des Sandstrands und des türkisfarbenen Wassers wähnt man sich viel eher in der Karibik als in Irland.
Genug Zeit sollte man für eine Einkehr im Community Center einplanen, denn darin verbirgt sich – oh welch Überraschung – ein kleines Pub! Von den leckeren Fish & Chips in der Anchor Bar träume ich noch heute.
Anreise nach Clare Island
Clare Island ist nur auf dem Wasserweg erreichbar. Eine halbe Stunde Autofahrt von Westport entfernt, legen am Roonagh Pier täglich mehrere kleine Passagierfähren ab. Die Überfahrt dauert je nach Seegang bis zu einer halben Stunde. Wegen des begrenzten Platzes sollte man die Tickets gerade in der touristischen Hochsaison im Voraus kaufen. Es gibt zwei Anbieter: Die O’Malley Ferries und die Clare Island Ferry Company.
7. En Route nach Galway: Doolough Valley
All good things come to an end – und so ist es auch mit meinem Aufenthalt in Westport. Um nach Galway zu gelangen, wähle ich die szenische Route über die R335 und damit erneut den Wild Atlantic Way. Und einmal mehr wird der Weg zum Ziel.
Von Westport verläuft die Strecke südwestlich, vorbei am imposanten Croagh Patrick, dem mit 764 Metern weitherum höchsten Berg. Dessen Besteigung soll sich wegen der grandiosen Aussicht ausgesprochen lohnen. Nach Louisburgh schlängelt sich die Strasse durch das wunderschöne, menschenleere Doolough Valley – ein Landstrich, der sich von den bisherigen Küstenlandschaften unterscheidet und mit seinen dunklen Seen an Schottland denken lässt.
Travelistas Tipp: Zwischenstopps auf der Fahrt von Dublin nach Westport
Um den Wild Atlantic Way und den Westen Irlands in seiner ganzen Fülle flexibel zu erkunden, ist ein Mietauto von Nöten. Die Fahrt von den Mietstationen am Flughafen Dublin bis nach Westport dauert im Regelfall drei bis vier Stunden. Auf dem Hinweg habe ich einen Stopp in Mullingar eingelegt, inklusive Übernachtung im zwar wenig luxuriösen, dafür von herzlichen privaten Gastgebern geführten B&B Cuan na b’Piobairi. Für eine erste Tuchfühlung mit dem «echten» Irland war das eine hervorragende Wahl.
Vor der Weiterfahrt ist ein Besuch des Belvedere House und seinem mit Kuriositäten gespickten Park zu empfehlen.
Ebenfalls empfehlenswert ist ein Zwischenhalt beim National Famine Museum in Strokestown. Im Nachhinein würde ich es bereits auf dem Hinweg einplanen: Das der Hungersnot gewidmete Museum vermittelt ein besseres Verständnis für die bewegte Geschichte des Landes. Und für die damit im Zusammenhang stehenden Seitenhiebe an das englische Königreich – steter Begleiter einer jeden Irlandreise.

