Wer im Rollstuhl reist, lernt schnell: hindernisfrei ist ein dehnbarer Begriff. Manche Hotels sind es tatsächlich. Andere vor allem auf den Buchungsplattformen. Natürlich gibt es auf den entsprechenden Tools den Filter „Zugänglichkeit“. Doch wer sich ausschliesslich darauf verlässt, erlebt mehr böse als erfreuliche Überraschungen. Ein Anruf vor der definitiven Reservation ist darum keine Empfehlung, sondern ein Muss.
Ich wollte das Unterengadin entdecken. Als Ausgangspunkt empfohlen wurde mir das Badehotel Belvair in Scuol. Persönliche Tipps sind eh die Besten, wenn sie von entsprechend sensibilisierten Menschen erfolgen. Das Belvair von Scuol gehört zur Belvédère Hotel Familie. Diese umfasst im Dorfzentrum drei ganz unterschiedliche Häuser: das historische Belvédère, in dessen wunderschönem Speisesaal sich ein Gourmetdinner geradezu aufdrängt, das urbane Belvair und das Boutique Hotel GuardaVal. Das letzte kommt allein schon wegen der erhöhten Lage und den Treppen für Rollifahrer nicht in Frage, die beiden andern sind hindernisfrei und haben behindertengerecht umgebaute Zimmer. Das Belvair hat zwei davon, beide mit Balkon. Das war für mich entscheidend. Wenn ich mich schon ins Gebirge begebe, dann will ich auch Aussicht darauf – und dies vom eigenen Balkon.
Das Zimmer ist beinahe perfekt
Unser Zimmer hiess „Salon moderna“, ein Doppelzimmer mit separatem Raum und einem gedeckten Balkon. Wichtig für Rollifahrer sind WC und Nasszelle. Da bin ich heikel, und ich darf sagen: Sie erfüllen im Belvair die höchsten Ansprüche. Das WC ist ausgerüstet mit einem Closomat, hat links einen aufklappbaren Stützgriff und rechts die Lavaboarmatur, welche sich bei Bedarf zum Abstützen bestens eignet. Das Lavabo ist unterfahrbar, die stufenlos erreichbare Brause ausgerüstet mit einem Duschstuhl.
Die Betten haben die gleiche Höhe wie ein normaler Rollstuhl, was den Transfer erleichtert. Die Platzverhältnisse sind zwar nicht üppig, bieten für einen Handrollstuhl aber keinerlei Probleme. Wer den „Salon moderna“ allerdings mit dem Elektrorollstuhl benutzt, sollte ein präzises Händchen haben oder vorgängig nochmals in die Fahrschule.
Das Bistro ist stufenlos erreichbar, ebenso dank einer Passerelle auf kürzestem Weg – und wenn beliebt im Bademantel – das Engadin Bad Scuol.
Noch ungelöst ist die Ankunftssituation. Es gibt keinen Behindertenparkplatz. Die Hoteleigenen Parkplätze in der Tiefgarage sind zu schmal. Zudem gibt es zwei Türen zum Lift, welche Rollifahrer inklusive Begleitung vor athletisch knifflige Aufgaben stellen. Der darauf angesprochene, überaus kompetente und verständnisvolle CEO René Stoye will sich dem Problem annehmen.
Mountain Drive
Im Engadin zieht‘s einen natürlich nach draussen. Zum Glück sind im Zimmerpreis inbegriffen Fahrten mit dem Postauto und der Rhätischen Bahn, ebenso mit den Bergbahnen Scuol und Motta Naluns, Eintritte in das Engadin Bad Scuol (und im Winter ein täglicher Skipass). Man braucht sich also, kaum tritt man aus dem Hotel unter den Engadiner Himmel, um kein Ticket mehr zu kümmern. Die Gästekarte wird zum Open-Air-Passepartout.
Die von uns benutzten Postautos und Züge waren alle rollstuhlgängig, das Personal bei unseren Ausflügen hilfsbereit und freundlich. Im Postauto etwa muss der Chauffeur die Plattform bei der Türe von Hand rauf- und runterklappen, wenn ein Rolli kommt. Oder die Gäste zur Seite bitten, wenn sie sich wieder, wie eigentlich immer, mit Hund und Rucksack im für Rollstühle reservierten Teil des Busses ausbreiten.
Mit dem Bus also fuhr ich zur Talstation Bergbahnen Scuol. Denn dort befindet sich in Untermiete der Bike Shop des Engadin Adventure. Die vermieten geländegängige Elektrorollstühle, finanziert und zur Verfügung gestellt von der Stiftung Cerebral. Dieser so genannte Mountain Drive ist ausgerüstet mit zwei starken Elektromotoren. Dank der robusten Bauweise können hügelige Wanderwege, starke Steigungen und auch lange Naturbelagstrecken problemlos befahren werden. Die Stiftung Cerebral baut aktuell ein Netz von Vermietstationen in der ganzen Schweiz auf. Zwei dieser heissen Stühle sind in Scuol stationiert – und mit einem davon stürzte ich mich ins Abenteuer.
Ich setze mich also um von meinem kleinen Schwarzen in den robusten Traktor. Nach einer kurzen Einführung ging’s los. Im hohen Alter begab ich mich jetzt also zum ersten Mal in meinem Leben auf Wanderschaft. Ich wollte – sagt man zu Rad? – von Scuol nach Sent. Die ersten Meter so über Stock und Stein und teilweise recht stotzig bergauf kosteten mich einige Überwindung. Zum Glück war meine Begleitung Wandererprobt und verstand es auf wundersame Art, mich immer wieder zu beruhigen und anzuspornen. Und tatsächlich löste sich meine Verkrampfung, ich wurde immer lockerer und begann zu geniessen.
Diese Luft. Diese Wiesen. Diese Ruhe. Die Gerüche. Hinter jeder Kurve eine neue Aussicht. Ich wusste gar nicht, was ich über die Jahre verpasst hatte. Plötzlich öffneten sich alle Sinne. Die Augen frohlockten, die Nasenflügel flimmerten, es glühte das Herz. Auf dem Weg von Scuol nach Sent wurde Glück greifbar. Sent, diese Perle im Unterengadin, war vor lauter Schönheit in dieser Stimmung kaum auszuhalten. Am liebsten wäre ich geblieben.
Glück dauert nicht ewig
Auf dem Rückweg, mitten im Naturidyll, meldete sich plötzlich die Technik – erst piepsend, dann blinkend. Irgendetwas stimmte offensichtlich nicht mehr. Ich bekam Angst, im Niemandsland stecken zu bleiben. Ich hätte ja nicht einfach aufstehen und zu Fuss zur nächsten Postautostation laufen können. Und der Wanderweg war viel zu schmal, um von einem Auto Hilfe anzufordern. Wie ein Nackenschlag traf mich mitten im grössten Glücksgefühl das Bewusstsein der totalen Abhängigkeit.
Alles ging gut, wir erreichten die Talstation. Der Vermieter meinte, wir hätten wohl die Batterien etwas stark beansprucht. Das passiere aber selten. Ein Witzbold, der wohl noch nie wahre Abhängigkeit erlebt hat. Um das Mountain-Drive-Abenteuer nicht mit diesem schalen Abgang abzuschliessen, entschlossen wir uns, den Traktor am nächsten Tag noch einmal zu mieten. Mit der Luftseilbahn fuhren wir hinauf auf den Motta Naluns und rollten respektive wanderten hinunter nach Ftan. Ein breiter, meist geteerter Wanderweg, der reine Genuss. Nur eine kleine, ziemlich schmale Rampe zum Bergrestaurant Prümaran Prui liess mein Adrenalin noch einmal kurz hochsteigen. Aber das musste wohl sein. Schliesslich mietet man das Vehikel im Bike Shop des Engadin Adventure. Und da gehört Nervenkitzel wohl einfach zum Programm.
Scuol beweist, dass hindernisfreies Reisen weit mehr sein kann als ein schwellenloses Hotelzimmer. Zwischen Badehotel, Mountain Drive und Gourmetdinner wartet hier ein Ferienerlebnis, das auch auf vier bis fünf Rädern überraschend viel Freiheit verspricht. Und genau deshalb werde ich wiederkommen.
Fotos: Alicia Fuchs
Travelistas Tipp
Verlasse dich bei der Buchung eines barrierefreien Hotels nicht ausschliesslich auf die Filter der Buchungsplattformen. Kläre vor der Reservation direkt mit dem Hotel, wie breit die Türen sind, ob das Badezimmer unterfahrbar ist, welche Hilfsmittel vorhanden sind und ob ein geeigneter Parkplatz zur Verfügung steht. Bei einem Elektrorollstuhl solltest du zusätzlich die Platzverhältnisse im Zimmer und im Lift prüfen.

