Warum „rollstuhlgerecht“ nicht immer wirklich nutzbar ist

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Reisen mit dem Wohnmobil klingt nach Freiheit. Nach Losfahren, Ankommen, Bleiben, Weiterziehen. Nach Orten, die man spontan entdeckt, und nach Tagen, die nicht schon Monate im Voraus durchgeplant sein müssen.

Doch für Menschen mit Mobilitätseinschränkung ist diese Freiheit oft mit vielen offenen Fragen verbunden: Ist der Stellplatz wirklich zugänglich? Gibt es ein Bad, das nicht nur auf dem Papier barrierefrei ist, sondern im Alltag funktioniert? Sind Wege, Türen, Duschen und Waschbereiche so gestaltet, dass man sie tatsächlich nutzen kann?

Genau hier setzt Access in Motion an. Hinter dem Projekt stehen Anima Wyser und Hardi Pelz, die seit Ende Oktober mit dem Wohnmobil durch Europa reisen. Sie haben ihre Wohnung in der Schweiz aufgegeben, nichts eingelagert und sich bewusst für ein Leben unterwegs entschieden. Ihr Gedanke: reisen, solange es möglich ist.

Anima ist mobilitätseingeschränkt. Sie kann laufen, nutzt dafür aber Stöcke. In gewissen Situationen, etwa beim Duschen oder auf längeren Strecken, ist ein Rollstuhl für sie die bessere und sicherere Lösung. Diese Erfahrung prägt ihren Blick auf Campingplätze, Stellplätze und touristische Infrastruktur. Denn was offiziell als barrierefrei gilt, ist in der Praxis nicht automatisch wirklich nutzbar.

"Was auf dem Papier barrierefrei klingt, ist in der Praxis nicht automatisch wirklich nutzbar."

Dieser Satz bringt auf den Punkt, worum es Access in Motion geht: die Lücke zwischen Beschreibung und Realität sichtbar zu machen.

Wenn der Haken bei „barrierefrei“ nicht reicht

Viele Campingplätze führen in ihren Informationen einen Hinweis wie „rollstuhlgerecht“ oder „barrierefrei“. Für Reisende klingt das erst einmal beruhigend. Vor Ort zeigt sich aber oft: Der Begriff wird sehr unterschiedlich verstanden.

Ein Bad kann grosszügig gestaltet sein, aber wichtige Haltegriffe fehlen. Eine Dusche kann erreichbar sein, aber die Brause ist zu hoch oder nicht verstellbar. Ein Lavabo kann theoretisch unterfahrbar sein, aber der Spiegel hängt so, dass er aus dem Rollstuhl kaum nutzbar ist. Manchmal gibt es eine Toilette, die als rollstuhlgängig bezeichnet wird, aber rundherum fehlt der Platz, um sich sicher zu bewegen.

Für Anima und Hardi liegt der entscheidende Unterschied genau hier: zwischen formaler Barrierefreiheit und echter Alltagstauglichkeit.

Access in Motion schaut deshalb nicht nur darauf, ob ein Platz bestimmte Kriterien erfüllt. Sie prüfen, wie sich ein Ort im echten Reisealltag nutzen lässt. Wie kommt man an? Findet man sich zurecht? Sind die Wege gut befahrbar? Ist das Sanitärgebäude erreichbar? Kann man duschen, ohne improvisieren zu müssen? Gibt es Ablageflächen, Haltegriffe, genügend Platz und praktische Details, die den Aufenthalt erleichtern?

Zwei Perspektiven auf denselben Ort

Das Besondere an Access in Motion ist die Kombination aus zwei Blickwinkeln. Anima erlebt Campingplätze aus Sicht einer mobilitätseingeschränkten Person. Hardi bringt die Perspektive einer nicht eingeschränkten Person ein und sieht zugleich, wo Unterstützung im Alltag nötig wird.

Diese Kombination macht ihre Arbeit besonders praxisnah. Sie reisen mit dem Wohnmobil, stehen selbst auf den Plätzen, nutzen die Wege, die Sanitäranlagen, die Waschbereiche und die Umgebung. Dadurch erkennen sie Hindernisse, die in klassischen Checklisten oder auf Websites oft nicht sichtbar werden.

Ihr Ziel ist nicht, Campingplätze blosszustellen. Im Gegenteil: Access in Motion möchte eine Brücke schlagen. Reisende mit Mobilitätseinschränkung sollen bessere, ehrlichere Informationen erhalten. Betreiber wiederum sollen erkennen, wo sie mit kleinen oder gut planbaren Verbesserungen viel bewirken können.

Travelistas_Anima und Hardi_Access in Motion
Hardi und Anima von Access in Motion

So arbeitet Access in Motion

Bei ihren Besuchen analysieren Anima und Hardi Campingplätze, Stellplätze und touristische Infrastruktur Schritt für Schritt. Sie erstellen Fotodokumentationen, messen relevante Bereiche aus und halten fest, wie gut ein Ort im Alltag funktioniert.

Bewertet werden unter anderem:

  • Ankunft und Rezeption
  • Orientierung vor Ort
  • Wege, Bodenbeläge und Distanzen
  • Sanitäranlagen
  • Wasch- und Abwaschbereiche
  • Aufenthalts- und Social Areas
  • Restaurants oder weitere Angebote auf dem Gelände
  • Praktische Nutzbarkeit für Reisende mit eingeschränkter Mobilität

Die Ergebnisse werden kompakt aufbereitet. Jeder Bereich erhält eine Einschätzung, ergänzt durch konkrete Messwerte und Empfehlungen. So wird sichtbar, was bereits gut funktioniert und wo Verbesserungen nötig wären.

In einem ihrer Testberichte wurde zum Beispiel eine Rezeption als nur eingeschränkt zugänglich bewertet, weil eine Stufe den Zugang erschwerte. Die Empfehlung war entsprechend pragmatisch: eine mobile Rampe. An anderer Stelle wurde ein Sanitärbereich grundsätzlich positiv bewertet, weil die Räume grosszügig waren und der Zugang funktionierte. Gleichzeitig zeigten die Hinweise, dass Haltegriffe, ein Duschsitz, Ablageflächen oder Haken auf passender Höhe die Nutzbarkeit deutlich verbessern würden.

Barrierefreiheit zeigt sich im Detail

Besonders deutlich wird die Relevanz solcher Analysen bei Sanitäranlagen. Für viele Gäste ist ein Bad einfach ein Bad. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkung ist es einer der entscheidenden Punkte bei der Wahl eines Camping- oder Stellplatzes.

Ein wirklich nutzbares Bad braucht mehr als nur Platz. Wichtig sind unter anderem:

  • Ausreichend Bewegungsfläche
  • Gut erreichbare Haltegriffe
  • Eine sinnvolle Position von Toilette, Dusche und Lavabo
  • Eine bodenebene oder gut zugängliche Dusche
  • Ein Duschsitz oder eine sichere Sitzmöglichkeit
  • Eine verstellbare Duschbrause
  • Ablageflächen auf erreichbarer Höhe
  • Haken, Spiegel und Bedienungselemente, die sitzend nutzbar sind

Auch Wege, Bodenbeläge und Distanzen spielen eine wichtige Rolle. Grober Kies kann mit dem Rollstuhl schwierig sein. Eine kleine Stufe kann den Zugang verhindern. Ein Waschbereich kann eigentlich gut erreichbar sein, aber wenn Tumbler, Waschmaschine oder Spülbecken zu hoch sind, bleibt die Nutzung eingeschränkt.

Travelistas_Anima im Rollstuhl vor Lavabo

Warum genaue Informationen so wichtig sind

Für Reisende mit Mobilitätseinschränkung beginnt Barrierefreiheit nicht erst vor Ort. Sie beginnt bei der Recherche.

Wer einen Campingplatz buchen möchte, braucht konkrete Informationen. Allgemeine Begriffe wie „barrierefrei“ oder „rollstuhlgerecht“ reichen oft nicht aus. Hilfreicher sind Fotos, Masse und klare Beschreibungen.

Ist die Dusche wirklich befahrbar? Gibt es genügend Platz neben der Toilette? Wie breit ist die Tür? Ist der Weg zur Sanitäranlage befestigt? Gibt es Stufen bei der Rezeption, beim Restaurant oder beim Waschbereich? Wie weit ist der Stellplatz von den wichtigsten Einrichtungen entfernt?

„Viele Unsicherheiten liessen sich vermeiden, wenn Campingplätze transparenter kommunizieren würden.“

Anima empfiehlt, vor der Buchung direkt nachzufragen. Noch besser sei es, wenn man sich vor dem Check-in die Situation kurz anschauen kann. Denn unterwegs braucht es Flexibilität. Manchmal passt nicht alles. Manchmal muss man improvisieren, auf etwas verzichten oder weiterfahren. Aber viele Unsicherheiten liessen sich vermeiden, wenn Campingplätze transparenter kommunizieren würden – mit ehrlichen Bildern, konkreten Massen und klaren Angaben zur Nutzung vor Ort.

Kleine Verbesserungen, grosse Wirkung

Viele Betreiber denken bei Barrierefreiheit zuerst an grosse Investitionen. Natürlich gibt es bauliche Massnahmen, die Planung und Budget brauchen. Aber längst nicht jede Verbesserung ist aufwendig.

Manchmal macht schon eine mobile Rampe einen entscheidenden Unterschied. Oder ein zusätzlicher Haltegriff. Oder ein Duschkopf, der nicht zu hoch montiert ist. Oder ein paar Fotos auf der Website, die zeigen, wie ein Bad wirklich aussieht.

Auch einfache Hinweise können helfen: Welche Stellplätze liegen nahe bei den Sanitäranlagen? Wo ist der Boden besser befahrbar? Welche Wege sind mit Rollstuhl oder Rollator gut nutzbar? Gibt es Alternativen, wenn ein Bereich nicht zugänglich ist?

„Barrierefreiheit ist kein Punkt, den man einmal abhakt. Sie ist ein Prozess.“

Dieser Prozess beginnt mit genauem Hinschauen. Danach geht es darum, Hindernisse ernst zu nehmen, realistische Lösungen zu finden und Informationen so aufzubereiten, dass Reisende wirklich einschätzen können, ob ein Ort für sie passt.

09-lavabo-unterfahrbar-rollstuhl

Unterwegs in der Pilotphase

Access in Motion befindet sich aktuell in der Aufbau- und Pilotphase. Anima und Hardi waren bereits in Spanien und Portugal unterwegs und haben erste Camping- und Stellplätze dokumentiert. Ihre Berichte zeigen, wie unterschiedlich die Realität vor Ort sein kann: Manche Bereiche funktionieren bereits sehr gut, andere sind nur teilweise oder gar nicht zugänglich.

Die Reaktionen der Betreiber sind gemischt. Einige zeigen Interesse und nehmen die Hinweise auf. Andere versprechen Verbesserungen, setzen sie aber nicht sofort um.

Für ihre Pilotphase sucht Access in Motion weiterhin Campingplätze und Stellplätze, die offen für eine Zusammenarbeit sind.

Travelistas-Tipp: Worauf Reisende vor der Buchung achten sollten

Wer mit Mobilitätseinschränkung einen Campingplatz oder Stellplatz buchen möchte, sollte sich nicht nur auf allgemeine Begriffe verlassen. Entscheidend sind konkrete Informationen.

Diese Fragen helfen vor der Buchung:

  • Gibt es aktuelle Fotos vom barrierefreien Bad?
  • Wie breit sind Türen und Zugänge?
  • Gibt es genügend Bewegungsfläche neben Toilette und Dusche?
  • Sind Haltegriffe vorhanden?
  • Ist die Dusche bodeneben oder gut zugänglich?
  • Gibt es einen Duschsitz?
  • Sind Lavabo, Spiegel, Haken und Ablagen sitzend erreichbar?
  • Wie weit ist der Stellplatz von den Sanitäranlagen entfernt?
  • Sind die Wege befestigt oder besteht der Boden aus Kies?
  • Gibt es Stufen bei Rezeption, Restaurant oder Waschbereich?
  • Kann man den Platz vor dem Check-in kurz anschauen?

Je genauer die Informationen vorab sind, desto entspannter wird die Reise.

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Instagram: accessinmotion2026

Anima Wyser & Hardi Pelz
Access in Motion – Practical Mobility Consulting
E-Mail: accessinmotion@hotmail.com

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