Nein, aber fast. Die jungen Frauen und Männer gehören zur Crew von Asclepios VI, einer simulierten Mondmission in der ehemaligen Gotthardfestung Sasso San Gottardo. Für ein Fotoshooting mit Medien verlassen sie an diesem Tag die ehemalige Gotthardfestung und absolvieren einen EVA (Extravehicular Activity) – einen simulierten Aussenbordeinsatz, vergleichbar mit einem «Weltraumspaziergang» unter Mondbedingungen. Na ja, die Kühe muss man sich halt wegdenken. .
Countdown tief im Gotthardmassiv
Dem Moonwalk vorausgegangen sind emotionale Momente: Tief im Berg, in einer riesigen Kaverne der ehemaligen Gotthardfestung, zählt das Team den Countdown zum symbolischen Raketenstart herunter.
Auf einer erhöhten Plattform stehen neun Studierende in Raumanzügen hinter einer Glaswand. Wie bei einer echten Mission verabschiedet das Mission Control Center die Crew feierlich.
«Wir haben ein Jahr auf diesen Tag hingearbeitet und sind als Team zusammengewachsen. Es ist sehr bewegend, einen Teil der Crew nun in die Mission zu verabschieden», sagt Ambre Bexter, Mission Director Asclepios VI.
Eine Mondmission – mitten in der Schweiz
Während zwei Wochen lebt und arbeitet die neunköpfige internationale Crew unter möglichst realitätsnahen Bedingungen in der unterirdischen Forschungsstation.
Seit 2022 finden die Asclepios-Missionen in der ehemaligen Gotthardfestung Sasso San Gottardo statt. Die Initiative wurde 2019 von Studierenden der EPFL (École polytechnique fédérale de Lausanne), einer der führenden technischen Hochschulen der Schweiz und Schwesterinstitution der ETH Zürich, gegründet.
«Asclepios ist eine internationale Non-Profit-Organisation. Unser Ziel ist es, Studierenden und jungen Fachkräften praxisnahe Erfahrungen in der bemannten Raumfahrt zu ermöglichen und gleichzeitig Forschung für zukünftige Weltraummissionen voranzubringen», erklärt Ambre Bexter.
Keine Spielerei: Forschung für die Raumfahrt von morgen
Da spielen also nicht einfach irgendwelche jungen Leute Astronautin und Astronaut, sondern die Mission hat einen realen wissenschaftlichen Hintergrund der Mission.
«Was wir hier entwickeln und testen, bleibt nicht nur in der Analogumgebung. Experimente aus früheren Asclepios-Missionen wurden später auf der Internationalen Raumstation ISS weiter getestet. Das zeigt, dass unsere Arbeit einen echten Beitrag zur Raumfahrt leisten kann», sagt Marla Welsch, deutsche Analog-Astronautin der Mission Asclepios VI und Medizinstudentin an der Universität Köln.
Hinter der Mission stehen nicht nur Raumfahrtfans: Insgesamt sind 104 Mitglieder zwischen 18 und 32 Jahren mit 27 Nationalitäten und aus 31 Fachbereichen involviert. Mediziner treffen auf Ingenieurinnen, Biologen auf Robotik-Spezialistinnen, Informatiker auf Psychologinnen. Gemeinsam entwickeln sie Experimente, testen Technologien und erforschen, wie Menschen unter extremen Bedingungen zusammenarbeiten.
«Wir wollen die nächste Generation der Raumfahrt mitgestalten – durch Ausbildung, internationale Zusammenarbeit und wissenschaftliche Forschung», sagt Ambre Bexter.
Der Sasso San Gottardo: perfekte Umgebung für eine Mondmission
Tief im Gotthardmassiv liegt eine Welt, die kaum jemand kennt: ein weit verzweigtes Netz aus Stollen, Tunneln und riesigen künstlich geschaffenen Felskammern.
Die ehemalige Gotthardfestung Sasso San Gottardo bietet mit ihrer abgeschirmten unterirdischen Infrastruktur ideale Bedingungen für eine Analog-Mondmission. Isolation, Kommunikation und Missionsabläufe können hier unter kontrollierten Bedingungen erprobt werden.
Der Mann, der den Gotthard öffnet
Herr über das Labyrinth aus kilometerlangen Gängen und Felskammern ist Damian Zingg, Direktor des Sasso San Gottardo.
Geboren am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara – der Schutzpatronin der Bergleute und Tunnelbauer –, verbringt Damian Zingg sogar seine Freizeit am liebsten unter Tage. Kein Wunder also, dass er die Arbeit in der ehemaligen Gotthardfestung liebt.
Er sorgt dafür, dass die einst streng geheime Militäranlage nicht einfach Geschichte bleibt, sondern zu einem Ort für Kultur, Wissenschaft und Zukunftsideen wird.
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Goethe – ein früher Reise-Influencer des Gotthards
Schon vor der Raumfahrt zog der Gotthard berühmte Besucher an. Johann Wolfgang von Goethe bereiste den Pass dreimal: 1775, 1779 und 1797.
Heute zeigt die permanente Goethe-Ausstellung im Sasso San Gottardo, wie sehr der Dichter den Mythos Gotthard geprägt hat. Auf seinen drei Gotthardreisen sammelte er Eindrücke, Geschichten und Bilder der Schweiz und berichtete lebhaft davon. Auch sein Freund Friedrich Schiller liess sich davon inspirieren und schrieb später «Wilhelm Tell». Goethe war somit internationaler Influencer, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.
Travelistas Tipp: Kühle Auszeit im Berg
Wenn im Sommer im Unterland die Temperaturen steigen, ist ein Besuch im Sasso San Gottardo besonders reizvoll. In den Ausstellungsräumen herrschen angenehme 14 bis 18 Grad. Wer eine der angebotenen Führungen mitmacht, sollte sich warm anziehen: In der historischen Festung und den Verbindungsstollen herrschen sogar kalte 6 °C. Unbedingt Daunenjacke und feste Schuhe mitnehmen!
Vom Schutzraum zum Zukunftslabor
Der historische Teil der Festung, der nach einigen Kilomentern in dunklen Tunneln über die unterirdische Bahn Metro del Sasso erreicht werden kann, erzählt aber auch von der militärischen Vergangenheit der Schweiz.
Hier gibt es Truppenunterkünfte, Kanonen und Schiessstände zu bestaunen. Eine Ausstellung über General Henri Guisan zeigt, wie sich die Schweiz im Ernstfall verteidigt hätte. Dieser war während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 Oberbefehlshaber der Schweizer Armee.
Auch die Zeit des Kalten Krieges (1947–1991) wird beleuchtet, als die Angst vor einem Atomkrieg allgegenwärtig war. Ein kurioses Beispiel aus dieser Zeit: Der Sommerhit «Vamos a la playa» von 1983 klingt nach unbeschwertem Strandurlaub, erzählt aber tatsächlich von einer Welt nach einer nuklearen Katastrophe.
Vom Kalten Krieg zur gemeinsamen Zukunft
Heute steht der Gotthard nicht mehr für Abschottung, sondern für Zusammenarbeit und Weltoffenheit wie die Asclepios Mission zeigt. Eigentlich ja logisch: «Die Schweiz steht seit jeher für Neutralität und internationale Zusammenarbeit. Genau deshalb ist sie der ideale Ort für ein Projekt, das Menschen aus der ganzen Welt für ein gemeinsames Ziel zusammenbringt», sagt Damian Zingg.
Informationen
Das Museum Sasso San Gottardo befindet sich auf der Gotthardpasshöhe in einer ehemaligen streng geheimen Militäranlage. Besucher entdecken unterirdische Stollen, historische Festungsanlagen, Ausstellungen zu Kristallen, Goethe und der Geschichte des Gotthards. Erreichbar ist ein Teil der Anlage mit der «Metro del Sasso».
Öffnungszeiten und weitere Informationen: www.sasso-sangottardo.ch

