Kunst(t)raum Naoshima: Tipps für Japans Kunstinsel

Lee Ufan Museum und Blick auf grüne Hügel und das Meer in Naoshima
Nach unserer Velotour auf dem Shimanami Kaido blieben wir noch ein wenig in der faszinierenden Inselwelt der Seto-Inlandsee. Allerdings stand nun – ganz spontan übrigens – ein ziemlicher Szenenwechsel an: Statt spektakulärer Brücken, Zitrusplantagen und langer Etappen mit dem Velo wartete auf Naoshima, nicht minder spektakulär, zeitgenössische Kunst.

Vom Schiff aus begeistert

Meine Naoshima-Begeisterung begann bereits auf der Fähre. Auf dem Aussendeck steht eine imposante mit kleinen spiegelnden und perlmuttartigen Mosaikstücken verkleidete Skulptur, die mich sogleich faszinierte – und dann war Naoshima in Sicht. Mein Blick galt sofort dem roten Kürbis von Yayoi Kusama am Hafen von Miyanoura. Und das, nachdem ich schon bedauert hatte, die damals laufende Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel zu verpassen. Noch bevor ich also einen Fuss auf die Insel gesetzt hatte, war ich hin und weg.

Hafen Uno mit vielen Schildern und Informationen
Der Hafen in Uno: von hier fährt die Fähre nach Naoshima.
Skulptur auf der Fähre nach Naoshima
Schon auf der Fähre wird man von Kunst empfangen.
Kürbis am Miyanuora-Hafen in Naoshima
Beim Ankommen wird man am Hafen von Miyanoura vom roten Kürbis von Yayoi Kusama begrüsst.

Genau das sollte sich in den nächsten zwei Tagen immer wiederholen: Auf Naoshima muss man Kunst nicht suchen. Sie taucht unvermittelt auf – am Hafen, am Strand, in einem alten Holzhaus, beim Veloständer oder am Strassenrand. Bislang ist mir kein anderer Ort bekannt, wo Kunst, Landschaft, Architektur und Inselleben so selbstverständlich ineinander übergehen.

Und noch etwas hat mein Reiseherz erfreut: die Ruhe. Japan wird inzwischen oft im Zusammenhang mit Overtourism genannt. Auf Naoshima haben wir davon im November erstaunlich wenig gespürt. Einmal mehr ein Beweis, dass es sich lohnt, abseits der Ströme unterwegs zu sein – und spontan Routenänderungen vorzunehmen.

Vom Shimanami Kaido direkt zur Kunstinsel

Naoshima liegt in der Seto-Inlandsee, jener spektakulären Inselwelt zwischen den japanischen Hauptinseln Honshu und Shikoku. Wer zuvor den Shimanami Kaido mit dem Velo gefahren ist, bleibt also gewissermassen im gleichen maritimen Kosmos – nur mit einem völlig anderen Fokus.

Aber auch hier erwies sich das Velo als ideales Verkehrsmittel. Umso mehr, als die Distanzen überschaubar sind und es sehr unkompliziert (und preisgünstig) ist, eines zu mieten. Es gibt zahlreiche Mietstationen, und nebst herkömmlichen Velos werden auch E-Bikes angeboten. Letztere sind durchaus eine Überlegung wert, denn Naoshima ist hügeliger, als man auf den ersten Blick vielleicht erwartet.

Mit dem Velo unterwegs erfährt man im wahrsten Sinne des Wortes mehr über Naoshima. Das Spannende an der Insel ist nicht ein einzelnes Museum oder ein bestimmtes Kunstwerk. Es ist das Gesamtkonzept. Da sind aussergewöhnliche Museen, imposante Architektur, Installationen unter freiem Himmel, Kunstwerke direkt am Meer und alte japanische Häuser, die selbst zum Kunstwerk geworden sind. Dazwischen fährt man durch kleine Ortschaften und entlang der Küste. Naoshima fühlt sich nicht wie der Besuch eines riesigen Museumskomplexes an. Vielmehr wird die gesamte Insel zum Kunst(t)raum.

Sonnenuntergang über dem Meer und einer pyramidenförmigen Insel auf Naoshima
Ein Sonnenuntergang über der Seto-Inlandsee.
Naoshima Pavilion am Miyanuora-Hafen
Der Naoshima Pavillon am Miyanuora-Hafen.

Yayoi Kusamas Kürbisse: Kunst für alle

Bei den Werken von Yayoi Kusama war es Liebe auf den ersten Blick. Ihre gepunkteten Kürbisse sind längst zu Wahrzeichen Naoshimas geworden. Auf den roten folgte der berühmte gelbe Kürbis am Meer – der vor ein paar Jahren notabene einen Taifun überlebt hat – beim Benesse House. Auf Naoshima begegnet man bedeutender Kunst nicht nur hinter Museumstüren. Ähnlich ging es mir mit den farbigen Skulpturen von Niki de Saint Phalle, die rund um das Benesse-Areal im Freien stehen. Man fährt mit dem Velo vorbei, hält an, schaut, fährt weiter. Kunst ist allgegenwärtig und nicht ein Programmpunkt, den man abhakt.

Selbst wer sich nicht als ausgewiesenen Kunstfan bezeichnet, dürfte auf der Insel auf seine Kosten kommen. Denn mindestens ebenso faszinierend wie die ausgestellten Werke sind die architektonischen Bauten. Einer der Namen, der einem auf der Insel immer wieder begegnet, ist Tadao Ando. Der japanische Stararchitekt hat Naoshima über Jahrzehnte mitgeprägt.

Skulptur von einem gelben Kürbis mit schwarzen Punkten vor dem Sonnenuntergang in Naoshima
Noch ein Kürbis, dieses Mal in gelb.
Lee Ufan Porte vers l'infini in Naoshima
Die Porte vers l'infini vor dem Lee Ufan Museum.
bunte Katzen-Skulptur von Niki de Saint Phalle in Naoshima
Eine bunte Skulptur von Niki de Saint Phalle.

Tadao Ando: Kunst in Beton gegossen

So hat mich beispielsweise das Chichu Art Museum, das grösstenteils unterirdisch gebaut wurde, in seinen Bann gezogen. Licht, Beton, geometrische Formen und Landschaft werden hier Teil des Museumserlebnisses. Man geht nicht einfach durch Ausstellungsräume – das Gebäude selbst ist ein Kunstwerk.

Chichu Art Museum: graue Betonwand und grüne Wiese
Spannender Kontrast: Der graue Beton und die grüne Wiese im Chichu Art Museum.
Chichu Art Museum: graue Betonwand und blauer Himmel mit rosa Streifen
Das Museum wurde grösstenteils unterirdisch gebaut, um die Natur der Seto-Inlandssee nicht zu stören.

Auch das Benesse House Museum verbindet Architektur, Kunst und Landschaft auf besondere Weise. Auch Museum und Hotel bilden hier eine Einheit – die Kunst endet keineswegs an der Museumstür. Im Gegenteil: Auf der Terrasse kann man bei einem kleinen Picknick den Sonnenuntergang bestaunen, der den gesamten Komplex nochmals in ein anderes Licht rückt. Und mit etwas Glück schafft man es sogar, ein Zimmer im Benesse Park Hotel zu buchen, am einfachsten via Reiseveranstalter (vgl. Box). Es gibt einige andere, auch preiswertere, gute Hotels auf der Insel, aber ein Aufenthalt in einem zur Benesse Art Site gehörenden Zimmer ist definitiv ein besonderes Erlebnis.

Seit 2025 gibt es zudem das Naoshima New Museum of Art, ebenfalls von Tadao Ando entworfen. Es widmet sich insbesondere zeitgenössischer Kunst aus Japan und anderen Teilen Asiens.

Bow with Hole am Benesse House Museum in Naoshima
Die Installation "Bow with Hole" am Benesse House Museum.
Installation von Takashi Murakami_Naoshima New Museum of Art in Naoshima
Eine Installation von Takashi Murakami im Naoshima New Museum of Art.
Head on Installation mit 99 lebensgrossen Wölfen Naoshima New Museum of Art
Die Installation "Head on" mit 99 lebensgrossen Wölfen im Naoshima New Museum of Art.

Umnutzung alter Häuser

Totaler Kontrast dazu: Honmura. Hier findet man keine monumentalen Museumsbauten, sondern alte Häuser und historische Gebäude mitten im Dorf. Das Art House Project umfasst verschiedene Orte und verwandelt verlassene Häuser in Kunstgegenstände.

Man läuft durch schmale Gassen eines ganz normalen japanischen Dorfes, öffnet eine Tür – und steht plötzlich mitten in einer Installation. So etwa im Haus Haisha, das in eine Galerie für grosse Skulpturen verwandelt wurde. Im Inneren steht eine Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue. Ein eindrückliches Beispiel, welches Potenzial in vermeintlich unnütz gewordenen Häusern steckt und auf welche Art neues Leben entstehen kann.

Nachgebildete Freiheitsstatue im Art House Project in Naoshima
Eine nachgebildete Freiheitsstatue im Haus Haisha.
Altes Haus von aussen beim Art House Project in Naoshima
Von aussen unscheinbar, doch im Inneren verbirgt sich Kunst.

Art-Island-Hopping

Rückblickend bedauere ich eigentlich nur eines: dass wir die Nachbarinseln Teshima und Inujima nicht besucht haben. Naoshima ist nämlich nur ein Teil einer ganzen Kunstlandschaft in der Seto-Inlandsee. Auf Teshima befindet sich unter anderem das Teshima Art Museum. Inujima wiederum verbindet Kunst mit der industriellen Vergangenheit der kleinen Insel. Wer mehrere Kunstinseln miteinander kombinieren möchte, sollte dafür ein paar Tage mehr einplanen.

Wer seine Reise gezielt rund um Kunst planen möchte, sollte ausserdem die Setouchi Triennale kennen. Das internationale Kunstfestival findet alle drei Jahre statt und verteilt sich über zahlreiche Inseln und Hafenorte der Seto-Inlandsee. Naoshima, Teshima und Inujima gehören zu den wichtigen Schauplätzen, hinzu kommen unter anderem Shodoshima, Megijima und Ogijima. Die letzte Setouchi Triennale fand 2025 statt und war auf drei Saisonblöcke im Frühling, Sommer und Herbst verteilt. Die nächste Ausgabe ist 2028 zu erwarten; die genauen Termine stehen derzeit noch nicht fest.

Und dann sind da noch die Museumshops …

Normalerweise mache ich einen grossen Bogen um Souvenirshops. Auf Naoshima war das anders. Die Museumshops sind wunderbar kuratiert und bieten schöne, hochwertig gestaltete Souvenirs: Kunstbücher, Prints, Postkarten, Designobjekte und Produkte rund um die Künstlerinnen und Künstler. Mit klassischen Reisesouvenirs hat das wenig zu tun. Vielmehr sind die Shops eine Verlängerung des Gesamtkonzepts von Naoshima: Auch hier spielen Kunst und Design die Hauptrolle.

Tourasia-Profi-Tipps

Wie anreisen:
Flug via Tokio oder Osaka, weiter mit dem Shinkansen bis Okayama sowie der Lokalbahn bis Uno und dann mit der Fähre nach Naoshima.

Wie lange bleiben?
Je nach Ankunftszeit sind eine bis zwei Nächte ideal. Wer zusätzlich Teshima und Inujima besuchen möchte, sollte mehr Zeit einplanen.

Wie bewegt man sich fort?
Am besten mit dem E-Bike. Mietstationen sind direkt am Hafen.

Beste Reisezeit?
Ganzjährig, am angenehmsten von März bis Mai und von Oktober bis Dezember

Museen vorab reservieren?
Unbedingt vor der Reise prüfen. Bei einigen Einrichtungen sind Reservierungen empfehlenswert beziehungsweise Tickets zeitgebunden. Ausserdem haben die Museen unterschiedliche Ruhetage und saisonale Schliesszeiten.

Wo übernachten?
Benesse House (sehr frühzeitig reservieren!). Das Benesse House auf Naoshima verbindet zeitgenössische Kunst, Architektur und Hotellerie auf einzigartige Weise. Entworfen von Tadao Ando, wohnen Gäste direkt inmitten von Kunstwerken und geniessen die spektakuläre Lage an der Seto-Inlandsee. Ideal für Kunst- und Designliebhabende sowie Reisende, die ein aussergewöhnliches und inspirierendes Hotelerlebnis abseits des Gewöhnlichen suchen.

Kombinationsvarianten:
Ideal mit Okayama, Kyoto, Osaka oder Hiroshima kombinierbar

Lohnt sich die Buchung über einen Japan-Spezialisten?

Wer eine komplexere Rundreise plant, besondere Unterkünfte sucht oder möglichst wenig Zeit mit der Organisation verbringen möchte, sollte unbedingt von einem auf Japan spezialisierten Reiseveranstalter profitieren. Gerade bei weniger bekannten Regionen und Inseln kann die lokale Expertise hilfreich sein. Umso mehr, als dass vor dem Hintergrund der globalen Geschehnisse immer mal wieder Flüge storniert werden und die Reiseplanung beeinträchtigen.

Wo buchen: Tourasia (grösstes Kompetenzzentrum für Asienreisen in der Schweiz)

Zum Weiterlesen

Ein Besuch von Naoshima lässt sich wunderbar mit einer Radtour von Insel zu Insel auf dem Shimanami Kaido verbinden:

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