Villa Castagnola: Im Rollstuhl ins Fünf-Sterne-Hotel – Was zählt, ist der Mensch

Alex Oberholzer im Rollstuhl im Hotelpark der Villa Castagnola
Jetzt checke ich also im hohen Alter zum ersten Mal in meinem Leben in ein Fünf-Sterne-Superior-Hotel ein. Ein bisschen hüpft mein Herz schon.

Ich gehöre schliesslich weder zum Erbadel noch bin ich Politiker, Rockstar, Banker oder Promi. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Gast. Auch komme ich nicht im Bentley oder Porsche. Nein, ich fahre vor – im Rollstuhl.

Dem Personal ist das, wie ich bereits nach wenigen Sekunden merke, völlig Wurst. Das Einzige, was hier zählt, ist der Mensch. Vorurteile habe offenbar nur ich. Das Personal hat sich diese längst abtrainiert. Freundlich und zuvorkommend werde ich auf mein Zimmer begleitet.

Fünf Sterne – und ein paar Zentimeter

Schnell merke ich allerdings: Die Vorteile eines historischen Luxushotels – viel Komfort, viel Platz und jede Menge Atmosphäre – haben auch ihre Tücken.

Da wären zum Beispiel die Teppiche, für einen Rollstuhl eher hinderlich. Die Türen sind der alten Bausubstanz entsprechend eher schmal, die Türbreite in meinem Zimmer betrug 79 cm.

Alex im Rollstuhl in einem Doppelzimmer Standard in der Villa Castagnola
Alex Oberholzer in seinem Zimmer in der Villa Castagnola.

Die Badezimmer mit Duschen und WC wurden zwar so gut wie möglich zugänglich gemacht, sind aber eigentlich nur mit einem Handrollstuhl bequem erreichbar. Und zwischen Zimmer und der grosszügigen Terrasse mit ihrer prachtvollen Aussicht wartet eine knapp vier Zentimeter hohe Schwelle. Für einen Fussgänger oder eine Fussgängerin: ein Nichts. Für einen Rollstuhl: eine Herausforderung.

Wer in einem historischen Luxushotel wohnen möchte, muss solche Kompromisse manchmal akzeptieren. Entscheidend ist deshalb, dass die persönlichen Voraussetzungen passen. Wenn das der Fall ist, steht dem Genuss allerdings kaum noch etwas im Weg.

Denn die Lage und die Parkanlage der Villa Castagnola besitzen genau jenen unwiderstehlichen Charme, für den das Tessin – und ganz besonders dieser von Hermann Hesse so geliebte Teil Luganos – berühmt ist.

Alex mit Vanessa im Hotelpark der Villa Castagnola, im Hintergrund das Hotel
Alex und Travelista Vanessa vor dem Park der Villa Castagnola.

Hier zählt der Mensch

Die Hoteliersfamilie und das gesamte Personal setzen spürbar alles daran, dass sich auch Menschen mit Einschränkungen willkommen und wohlfühlen.

Zwei der 38 Zimmer sowie mehrere der 33 Suiten sind behindertengerecht ausgestattet. Dennoch gilt: In einem historischen Luxushotel können einzelne Zimmer trotz grundsätzlich guter Zugänglichkeit ihre Tücken haben. Deshalb sollte man das gewünschte Zimmer und vor allem das Badezimmer vor der Reservation genau abklären.

Das ist hier allerdings kein Problem. Die Villa Castagnola feiert ihre Gastfreundschaft nicht nur im Prospekt. Ein Telefonat genügt, und man erhält kompetent Auskunft darüber, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit aus dem geplanten Aufenthalt auch tatsächlich ein genussvoller Aufenthalt wird.

Alex mit Weinglas beim Abendessen auf der Terrasse des Restaurants Le Relais
Für einen genussvollen Aufenthalt sorgen auch die Restaurants der Villa Castagnola.
Essen im Restaurant Le Relais
Hier: Das Le Relais.

Ein Haus mit Geschichte – und mit Haltung

Diese Gastfreundschaft kommt nicht von ungefähr.

1880 wurde die Villa als Wohnsitz eines russischen Adeligen erbaut. Fünf Jahre später kaufte die Familie Schnyder von Wartensee das Anwesen und verwandelte es in ein Hotel. 1982 ging die Villa an die Tessiner Familie Garzoni aus Lugano über. Sie liess das Haus aufwendig renovieren und gab ihm seinen früheren Glanz zurück – kombiniert mit modernstem Komfort.

Die Aussicht von der Villa Castagnola über den Hotelpark und den Luganersee
Der Blick über den Hotelpark und den Luganersee.

Bemerkenswert: Das gesamte Personal wurde übernommen.

Das sagt viel über die Haltung der Familie aus. Und es erklärt auch, weshalb im Haus Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind, die bereits seit mehreren Jahrzehnten hier arbeiten.

Man spürt diese Erfahrung. Die Betreuung ist aufmerksam, aber nie aufdringlich; diskret, stilvoll und herzlich. Niemand springt einem ständig hinterher, niemand macht aus dem Gast eine Attraktion. Man wird einfach gut behandelt.

«Ich bin nicht der Direktor, ich bin der Gastgeber»

General Manager Ivan Zorloni, Ehemann der Miteigentümerin Claudia Garzoni, versteht sich denn auch nicht als Chef des Personals, sondern als Leader.

Sein Motto bringt es wunderbar auf den Punkt: «Ein Chef befiehlt, ein Leader kreiert.»

«Und für die Gäste» fügt er mit sympathischem Lächeln an: «bin ich nicht der Direktor, sondern der Gastgeber.»

Es sind solche Feinheiten, die dieses Fünf-Sterne-Superior-Haus besonders machen. Man fühlt sich hier nicht nach Rang, Vermögen oder Bekanntheitsgrad behandelt, man fühlt sich schlicht als Mensch. Und irgendwie ist das der eigentliche Luxus.

Ivan Zorloni, General Manager und Claudia Zorloni–Garzoni
Ivan Zorloni, General Manager und Claudia Zorloni–Garzoni © Villa Castagnola

Kunst, Garten und Dolce Vita

Für das Ambiente sorgt nicht nur die Lage. Hier wurde offensichtlich nichts dem Zufall überlassen.

Die Bucht von Lugano, das fast dschungelartige Grün der Parkanlage, der Blick auf den See und dieses typisch flirrende Tessiner Licht erledigen schon mal ihren Teil.

Den Rest übernimmt das Haus selbst.

Die Gesellschaftsräume sind mit erlesenen Kunstwerken ausgestattet: Im Salone Camino hängt eine Tapisserie, ein Gobelin d’Aubusson aus dem 17. Jahrhundert. In der Sala Bridge finden sich Werke italienischer Meister, in der Sala Colonne solche flämischer Künstler. Dazu kommen Skulpturen aus Asien, Indien und Afghanistan sowie ein von Kindern aus den Favelas von São Paulo gemaltes Bild.

Alex im Sala Camino (Kaminsaal)
Alex in der Sala Camino, dem Kaminsaal.
Alex schaut durch ein Fenster eines der zahlreichen Gesellschaftsräume
Auch den Blick aus dem Fenster sollte man nicht verpassen.
Alex im Sala Camino (Kaminsaal)
Die Sala Camino.

Zusammengetragen wurde diese aussergewöhnliche Sammlung von der inzwischen 90-jährigen Hotelbesitzerin Marisa Garzoni. Sie hat auch das Farbkonzept des Hauses entwickelt. Jedes Stockwerk hat seine eigene Farbe: Rosa, Beige und Grün. Zart, elegant und mit ornamentalen Punkten und Pflanzenmotiven versehen.

Kurz gesagt: Hier wohnt man nicht einfach. Hier wohnt man in einer Kunstsammlung.

Luxus hat auch Grenzen

Zum Hotel gehören drei hauseigene, von Gault&Millau hoch bewertete Restaurants, ein Tennisplatz und ein zugänglicher Wellnessbereich mit Innenpool. Einen Einstiegslift für den Pool gibt es allerdings nicht.

Auch der private Lido Club am See ist mit dem Rollstuhl nicht erreichbar.
Das sind Einschränkungen, die man kennen sollte. Denn «rollstuhlgängig» ist nicht automatisch gleichbedeutend mit «für jeden Rollstuhl und jede Situation geeignet». Genau deshalb ist die persönliche Abklärung vor der Buchung so wichtig.

Zwei Stunden mit dem iPad

Eine Person verdient dabei besondere Erwähnung: Antonella Archidiacono, Sales & Marketing Manager.

Sie setzt alles daran, für Gäste mit Einschränkungen die jeweils bestmögliche Lösung zu finden. Und sie weiss aus Erfahrung: In einem historischen Haus lässt sich Barrierefreiheit nicht einfach mit einem Häkchen im Buchungssystem erledigen.

«Ich bin schon zwei Stunden mit dem iPad in der Hand durch die Gänge gelaufen, bis ich für den Gast das richtige Zimmer gefunden habe.»

Zwei Stunden!

Spätestens da war für mich klar: Hier geht es nicht darum, möglichst schnell ein «behindertengerechtes Zimmer» zu verkaufen. Hier geht es darum, das richtige Zimmer für den richtigen Gast zu finden.

Grazie, Antonella. Per i clienti sei davvero un angelo.

Alex mit Antonella im Hotelpark der Villa Castagnola
Ein wahrer Engel: Antonella Archidiacono.
Alex mit Antonella im Hotelpark der Villa Castagnola, im Hintergrund das Hotel
Alex und Antonella vor der Villa Castagnola.

Mein Fazit: Was zählt, ist der Mensch

Die Villa Castagnola ist kein modernes, komplett barrierefreies Hotel. Das ist bei einem Haus mit dieser Geschichte auch nicht zu erwarten.

Aber sie ist ein historisches Luxushotel, das Menschen mit Einschränkungen ernst nimmt. Und das ist ein entscheidender Unterschied.

Wer mit Rollstuhl reist, sollte die eigenen Bedürfnisse vor der Buchung genau mit dem Hotel besprechen. Sind die Voraussetzungen gegeben, erwartet einen ein Haus mit aussergewöhnlicher Atmosphäre, hervorragender Gastfreundschaft, Kunst, Geschichte, einem traumhaften Garten und einem Blick auf den Lago di Lugano, der allein schon fünf Sterne verdient.

Ich bin im Rollstuhl gekommen – als ganz gewöhnlicher Gast. Und gegangen bin ich mit dem ziemlich ungewöhnlichen Gefühl, in einem Fünf-Sterne-Hotel ganz selbstverständlich dazuzugehören.

Drum gerne auch ein bisschen schwärmerisch: Villa Castagnola – fünf Sterne für das Haus. Und noch einige mehr für die Menschen, die es mit Leben füllen.

Travelistas Tipp: Lugano Region

Die Villa Castagnola ist ein toller Ausgangspunkt für Ferien in der Lugano Region. Das Zentrum von Lugano ist nur eine kurze Busfahrt oder einen Spaziergang entfernt. Die dortige Seepromenade ist barrierefrei und auch die Wege im Parco Ciani direkt am Seeufer sind gut zugänglich. Der wunderschöne Luganersee liegt direkt vor der Tür der Villa Castagnola. Zwei Standseilbahnen bringen Gäste ausserdem auf die Gipfel der umliegenden Berge, den Monte Brè direkt hinter der Villa Castagnola und den Monte San Salvatore am gegenüberliegenden Ufer des Sees. Auch kulinarisch hat die Region viel zu bieten: Von gemütlichen Weingütern bis zu Gourmet-Restaurants.

Zum Weiterlesen

Mehr Eindrücke aus der Villa Castagnola liest du hier:

Wenn du statt dem Fünf-Sterne-Hotel lieber am Campingplatz bist, hat Alex Oberholzer auch einige Empfehlungen für dich:

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