Alex Oberholzer mit Gepäck vor Booten im Luganersee
Zum ersten Mal wurden dieses Jahr von den «101 besten Hotels» in Zusammenarbeit mit der «Sonntagszeitung» und Procap Reisen barrierefreie Hotels ausgezeichnet. Den Premierensieg holte sich das Centro Magliaso am Luganersee. Es wurde zum ersten «Besten barrierefreien Hotel 2026» gekürt.

Bravo! Und Grund genug, es zu besuchen.

Aber bevor jetzt jemand denkt, ich sei im Rollstuhl direkt in den nächsten Luxuspalast (siehe Blogbeitrag Villa Castagnola) gerollt: Das Centro Magliaso ist etwas ganz anderes. Und genau das macht seinen Reiz aus.

Schöner geht nicht

Das Centro liegt direkt am Luganersee, mitten in einer riesigen Parklandschaft von fast 30’000 Quadratmeter, alter Baumbestand, viel Grün, verschiedene Plätze, Nischen und Stege, welche dazu einladen, den Rolli zu fixieren und aufs Wasser zu schauen.

Die offizielle Hotelkategorie interessiert da nur bedingt.

Roland Fischer, welcher die Anlage leitet, bezeichnet das Centro als eigenwilligen Mix aus Hostel und Drei-Sterne-Hotel. Als früherer Chef der Jugendherberge St. Moritz weiss er genau, wovon er spricht. Und entsprechend gelingt es ihm auch, die Vorteile der beiden unterschiedlichen Beherbergungen auf geschickte Weise miteinander zu vermengen. So geniesst man einerseits die unkomplizierte, offene Begegnung untereinander und andererseits die Vorteile des stilvollen Rückzugs ins Private.

Rund 100 Zimmer gibt es in zehn Häusern, insgesamt 250 Betten. Hier wohnen Familien, Einzelreisende, Jugendliche, Seniorinnen und Senioren, Seminargruppen, Sportlerinnen und Sportler – und darunter halt auch einige mit Behinderung. Ein Abbild der Gesellschaft. Und genau das ist das Konzept.

Alex Oberholzer vor dem Luganersee
Im Centro Magliaso hat man beides: einen gemütlichen Rückzugsort am See und Begegnungen.

Langeweile wird zur Herausforderung

Beim Freizeitangebot geriet ich leicht unter Stress. Da gibt es alles: Beachvolleyball, Fussball, Tischtennis, Tischfussball, Kinderspielplätze, Grillplatz, Kajaks, Swimmingpool und natürlich das lange Ufer entlang des Luganersees.

Dabei wollte ich doch eigentlich nur Ausspannen, in die Sonne blinzeln, aufs Wasser starren, vor mich hinträumen und mich etwas langweilen.

Für kulinarische Gelüste gibt’s eine Kantine mit Selbstbedienung und die Osteria alla Foce mit den Spezialitäten Churrasco – wohl die einzige brasilianische Churrascaria in der Region Lugano – und Pinsa alla Romana.

Roland Fischer und Alex Oberholzer bei einem Apero im Centro Magliaso
Roland Fischer, Leiter des Centro Magliaso, und Alex Oberholzer beim gemütlichen Apéro am See.

Das Schönste sieht man nicht

Barrierefreiheit kann man messen. Türbreiten. Rampen. Lifte. Badezimmer. Alles wichtig. Wird hier bei den entsprechenden Räumen selbstredend perfekt erfüllt. Aber Inklusion? Die lässt sich nicht mit dem Meterstab messen. Und genau hier punktet das Centro Magliaso.

Hier wird Inklusion nicht angestrebt und behauptet. Hier wird sie gelebt.

Im Park begegnet man dem durchtrainierten Velofahrer im hautengen Renndress, der aussieht, als sei er gerade vom Mars gelandet, genauso selbstverständlich wie einem Menschen im Rollstuhl.

Kinder spielen. Familien spazieren. Sportlerinnen und Sportler trainieren. Menschen mit Behinderungen plaudern. Sie alle verbringen hier ihre Ferien. Und niemanden interessierts, wer nun «normal» und wer «anders» ist. Die Normen hier sind derart gesprengt, sie verlieren ihre Bedeutung.

Alex Oberholzer blickt auf Luganersee
Hier kann man einfach Sein.

Mein persönlicher Härtetest: der Swimmingpool

Für mich wurde das am Swimmingpool spürbar. Wegen meiner Behinderung meide ich seit der Kindheit öffentliche Schwimmbäder. Nicht wegen des Wassers. Wegen der Blicke. Denn Kleider und orthopädische Geräte verstecken doch einiges.

Wer irgendwie auffällt, weiss, was ich meine. Man wird angeschaut. Mal neugierig, mal unsicher, mal mitleidig. Bestimmt nie böse, aber ich mag es halt nicht.

Deshalb war ich im Centro Magliaso selbst über mich erstaunt. Ich zog mich aus, liess mich zum Pool schieben, dann von Roland Fischer, genau, dem Chef persönlich, vom Rollstuhl in den Pool-Lift heben – und ins Wasser gleiten. Ganz einfach. Ganz selbstverständlich. Und das Verblüffende: Ich dachte kaum darüber nach, wer mich gerade anschaute. Die Blicke, sofern es denn welche gab, waren mir egal.

Für mich war das ein ziemlich grosser Moment. Ich war nicht ein Mensch, den man anstarrt, nein, ich war einfach ein Feriengast, der schwimmen gehen wollte. Mehr nicht. Und alle Rolli-Fahrer wissen: Ist man erst mal im Wasser und die Schwerkraft aufgehoben, fühlt man sich nahe dem Paradies.

Alex Oberholzer im Lift vor dem Pool im Centro Magliaso
Alex und Roland Fischer beim Pool-Lift.
Alex und Vanessa im Pool des Centro Magliaso
Der persönliche Härtetest ist bestanden.

Barrierefreie Zimmer? Schnell sein!

Das Centro verfügt über mehrere zugängliche Zimmer. Besonders interessant ist das Haus Boscaccio. Dort gibt es zwölf behindertengerechte Zweibettzimmer mit Pflegebetten sowie Dusche und WC. Dazu kommen zwei entsprechende Einzelzimmer.

Das klingt hervorragend. Ist es auch. Allerdings gibt es einen Haken: Andere finden das nämlich auch. Die Zimmer sind entsprechend begehrt und deshalb häufig lange im Voraus ausgebucht. Behindertenorganisationen, die einmal im Centro waren, kommen gerne wieder.

Haus Boscaccio im Centro Magliaso
Direkt am See liegt das Haus Boscaccio.

Auch die beiden Rustici direkt am See, welche im Parterre zugängliche Zimmer mit Nasszelle anbieten, sind meistens ausgebucht.

Kein Wunder. So eine Lage, kombiniert mit einem wirklich zugänglichen Angebot, ist in der Schweiz einmalig. Darauf angesprochen, meint Direktor Roland Fischer: Entweder sehr früh buchen oder – bitte nicht weitersagen – sehr kurzfristig anfragen.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Ist es aber nicht. Früh ist gut. Kurzfristig kann aber besser sein, weil vielleicht gerade jemand abgesagt hat. Und diese Chance besteht eben immer, gerade weil so lange im Voraus gebucht wird. Man braucht also entweder Planungstalent – oder Glück.

Hier muss sich niemand beweisen

Vielleicht ist das die grösste Stärke des Centro Magliaso. Hier muss niemand etwas darstellen. Der sportliche Velofahrer muss nicht beweisen, dass er sportlich ist. Der Mensch im Rollstuhl muss nicht beweisen, dass er trotz Behinderung ein toller Typ ist. Die Familie muss nicht beweisen, dass ihre Kinder besonders brav sind. Und niemand muss sich dafür schämen, Hilfe zu benötigen. Man darf einfach Ferien machen. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht.

Für Menschen mit Behinderung bedeutet Barrierefreiheit oft noch immer: Ist der Eingang zugänglich? Komme ich ins Zimmer? Ist das Badezimmer brauchbar? Kann ich ins Restaurant? Komme ich in den Pool? Im Centro ist das alles selbstverständlich, und es kommt etwas Entscheidendes dazu: Man kann hier Ferien machen, ohne ständig daran erinnert zu werden, dass man Einschränkungen hat. Man ist Teil eines Ganzen, und dieses Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dieser Mehrwert ist spürbar auf der gesamten Anlage. Und das tut gut.

Der Blick auf den Luganersee mit grünen Bergen im Hintergrund
Der Luganersee liegt direkt vor dem Centro Magliaso...
Abendstimmung im Centro Magliaso
... und ist zu jeder Tageszeit ein schöner Anblick.

Travelistas Tipp: Lugano Region

Vom Centro Magliaso kann man auch viele Ausflüge in die gesamte Lugano Region machen, die mit Bergen, dem Luganersee und Weingütern für alle etwas zu bieten hat.

Zum Weiterlesen

Nicht weit vom Centro Magliaso war Alex auch in einem ganz anderen Hotel zu Gast:

Tipps für barrierefreie Ferien in Österreich liest du ausserdem hier:

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