Mit dem Rollstuhl nach Lourdes: Wenigstens neue Reifen?

Wallfahrt in Lourdes mit Rollstuhl
Auf eine Wallfahrt wollte ich nie. Dafür bin ich schlicht zu wenig religiös. In meiner Ferien- oder Reiseplanung kam so etwas nicht vor, nicht einmal als Gedanke am Rand. Und trotzdem fahre ich nun seit acht Jahren – mit Ausnahme der Corona-Zeit – jeden Frühling mit der Interdiözesanen Lourdeswallfahrt DRS nach Lourdes. Ausgerechnet dorthin, ins grösste Wallfahrtszentrum Europas. Wie es dazu kam, weiss ich noch genau. Und auch, warum ich immer wieder zurückkehre.

Von Alex Oberholzer

Es begann profan. Ich brauchte einen neuen Rollstuhl. Die grösste Auswahl findet man an der Swiss Abilities in Luzern, jener Messe für Rehatechnik und Hilfsmittel, wo zwischen Hightech, Gummi, Aluminium und Hoffnung alles ausgestellt ist, was Mobilität und Selbständigkeit verspricht. Rollstühle, Rollatoren, Fitnessgeräte – und dazwischen, fast beiläufig, ein Stand für Lourdes-Reisende. Ich beachtete ihn nicht und war schon fast vorbei, als mich jemand zurückrief. Ob mich das nicht auch interessieren würde. Ich verneinte freundlich, aber entschieden. Ganz sicher nicht.

Der Mann hinter dem Stand liess nicht locker. Ich könne ja wenigstens an einem Wettbewerb teilnehmen. Der Hauptgewinn sei die Teilnahme an der nächsten Wallfahrt. Und weil ich ein neugieriger Mensch und offen für vieles bin, dachte ich mir: Gut. Sollen die da oben – wenn es sie denn gibt – doch entscheiden, ob sie mich auf eine Wallfahrt schicken wollen.

Sie wollten.

Wallfahrt in Lourdes mit Rollstuhl
Der Verein Interdiözesane Lourdeswallfahrt DRS organisiert jedes Jahr Wallfahrten nach Lourdes.

Wo die Magie beginnt

Ein halbes Jahr später sass ich, noch immer skeptisch, im Zug nach Lourdes. An der Grenze das erste Problem. Die französischen Bahnen streikten. Man verlud uns in bereitstehende Reisebusse. Sehr umständlich, grosse zeitliche Verzögerungen, aber alles klappte. Man hatte mir im Vorfeld versichert, dass für mich als Rollstuhlfahrer alles organisiert sei: freiwillige Helfende, Unterstützung vor Ort, keine Hindernisse, die nicht überwunden würden. Und mehr noch: Ich durfte im Accueil Notre-Dame wohnen, einer Art Spital, mitten im Heiligen Bezirk, ganz nahe bei der Grotte, wo 1858 das Wunder seinen Anfang genommen haben soll.

Lourdes selbst ist ein einziger Souvenirladen. Ein Ort, der fast vollständig aus Verkaufsflächen besteht: Kreuze, Kerzen, Rosenkränze, Weihwasserkännchen, Andenken in jeder erdenklichen Form. Ob Kitsch, Ramsch oder Heilsversprechen – das liegt im Auge der Käuferinnen und Käufer. Im Heiligen Bezirk jedoch, dort, wo ich wohnen darf, ist davon nichts zu sehen. Nachts schliessen die Tore, Touristinnen und Touristen bleiben draussen. Zurück bleiben wir: Menschen mit Behinderung, ihre Begleitpersonen, die Helfenden. Und plötzlich gehört dieser riesige, sakrale Raum uns allein. Kathedralen haben ohnehin etwas Magisches. Ohne Menschenmassen entfalten sie diese Magie erst recht.

Ich fühlte mich sofort wohl. Die Helfenden waren präsent, ohne aufdringlich zu sein, aufmerksam, ohne zu kontrollieren. Eine seltene Mischung. Bald merkte ich, dass diese Haltung nicht an den Grenzen des Heiligen Bezirks endete. Kam ich mit dem Rollstuhl nicht weiter, brauchte ich Hilfe beim Einkaufen, beim Kerzenanzünden oder beim Abfüllen des Heiligen Wassers, wurde sie mir angeboten, oft noch bevor ich selbst wusste, dass ich sie brauchte. Von fremden Menschen. Ohne Worte. Ohne Mitleid.
Wallfahrt in Lourdes mit Rollstuhl
Die Hilfsbereitschaft ist nicht nur im Accueil gross ...
Wallfahrt in Lourdes mit Rollstuhl
... sondern auch ausserhalb des Heiligen Bezirks.

Eine Woche im Hier und Jetzt

An diesem Ort, so viel war mir schnell klar, waren die Menschen weniger mit sich selbst beschäftigt. Sie sahen einander. Auch jene, die sie nicht kannten. Trotz der dichten Menschenmenge herrschte eine bemerkenswerte Rücksichtnahme. Diese Atmosphäre schenkte mir etwas, das mir im Alltag oft fehlt: Selbstständigkeit. Dort draussen, wo alle hetzen, aufs Handy starren und Gespräche vorwiegend mit Abwesenden führen, ist sie rar geworden.
Und dann diese Bilder. Jeden Tag tauchen Szenen auf, die wirken, als wären sie einem Film von Antonioni oder Fellini entnommen: entrückt, langsam, leicht aus der Zeit gefallen. Eine Woche lang verliert der Kalender seine Macht. Keine Termine, keine Pendenzen, keine Agenda, die drängt und zieht. Nur Gegenwart, nur Jetzt.
Natürlich ist nicht alles heilig. Das Essen im Accueil zum Beispiel ist mehr Nahrung als Genuss. Und das in Frankreich. Immerhin habe ich gelernt, dass Salz und Pfeffer zur Grundausstattung einer Wallfahrt gehören – um wenigstens zu spüren, dass etwas auf der Zunge liegt. Ich habe mehrfach versucht, in Restaurants oder Hotels auszuweichen. Erfolglos. Auch kulinarisch scheint Lourdes auf einem eigenen Stern zu kreisen. Pilgernde sind hungrig, so viel ist sicher. Doch um sie bemühen muss man sich offensichtlich nicht. Ihre Liebe geht nicht durch den Magen.
Und das Wunder? Das ist bislang ausgeblieben. Ich habe nie wirklich damit gerechnet und werde es wohl auch künftig nicht tun. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und vielleicht – wer weiss – reicht es ja eines Tages wenigstens für neue Reifen am Rollstuhl.
Die Rosenkranz-Basilika ist das drittälteste sakrale Bauwerk im Wallfahrtsareal.
Wallfahrt in Lourdes mit Rollstuhl
Auch wenn das Wunder ausblieb: Die Wallfahrt nach Lourdes bleibt in Erinnerung.

Praktische Infos

Reisen von der Schweiz nach Lourdes werden überwiegend als organisierte Pilgerfahrten per Bus oder Flugzeug angeboten. Die Anreise dauert individuell 11 bis 14 Stunden mit der Bahn oder ca. 75 Minuten mit dem Flugzeug. 

Ich empfehle die Teilnahme an der alljährlichen Lourdeswallfahrt des Vereins Interdiözesane Lourdeswallfahrt DRS. Sie findet jeweils im Frühling statt, in der Regel zwei bis drei Wochen nach Ostern. Die nächste ist vom 23. bis 29. April 2027. 

Informationen und Anmeldungen über lourdes.ch.

Zum Weiterlesen...

Alex Oberholzer hat nicht nur eine Wallfahrt mit dem Rollstuhl probiert, sondern auch eine Flussschifffahrt. Seine Erfahrungen liest du hier:

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