Zeitz – Der Geheimtipp in Sachsen-Anhalt

Zeitz – Der Geheimtipp in Sachsen-Anhalt

Die älteste Brikettfabrik der Welt, unterirdische Brauereigänge und Raum für junge Künstler – wo sich all das vereint? In Zeitz.

Zeitz – wo? Mag sich so manch einer fragen. Achtung Spoiler: Jetzt kommt ein Reise-Geheimtipp. Der Deutschlandfunk betitelte die Stadt einst als Geisterstadt – von wegen! In der 30.000-Seelen-Gemeinde im Süden von Sachsen-Anhalt ist so Einiges im Umschwung. Und für Menschen, die auf der Suche nach wunderschönen und verhältnismäßig günstigen Immobilien sind, ist sie ein wahres Eldorado.

Schätzchen auf den zweiten Blick

Die Stadt, die zum Burgenlandkreis gehört, war von 1652 bis 1718 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Zeitz. Als Residenz diente das Schloss Moritzburg, das auch heute noch prachtvoll zu bestaunen ist. Im Torhaus des Schlosses Moritzburg verbirgt sich unter anderem die Lutheridenbibliothek. Hintergrund: Zeitz ist DIE Stadt der Luther-Nachkommen, da hier viele seiner Nachfahren lebten und bis in die Gegenwart wirken. Aber auch das Deutsche Kinderwagenmuseum, das im September 2016 wieder neu eröffnete, ist hier beheimatet. Emotional, interaktiv, digital: mit seiner beeindruckenden Sammlung an Kinder-, Sport- und Puppenwagen ist das Museum einmalig in Europa. Nach 20 Jahren – die alte Ausstellung war seit September 1996 unverändert zu sehen – werden die Exponate nun besser geschützt in Vitrinen präsentiert. Für Interessierte ist es nun möglich, virtuell durch die historischen Kinderwagenkataloge zu blättern. Die Ausstellung zeigt die Geschichte des Zeitzer Kinderwagenbaues von ihren Anfängen in den 1840er Jahren, durch die Unternehmerfamilie Naether, die auch als Begründerin der deutschen Kinderwagenindustrie gilt, bis heute. Denn neu ist nun auch die spannende Geschichte des VEB Zekiwa und der Zekiwa GmbH zu sehen. Die neuesten Modelle von ZEKIWA finden ebenso ihren Platz, wie die “Exoten” der Sammlung.

Apropos Unternehmer: Derer gab es sehr viele in der Stadt, die sich seit dem 19. Jahrhundert zur Industriestadt entwickelte. So ist hier heute noch immer ganz groß Südzucker angesiedelt. Aber auch die Müller-Dynastie Rossner, deren Anwesen noch immer steht, und wo heute seit 1993 von Henriette Rossner-Sauberbier die Ballettschule betrieben wird. Frau Rossner ist auch sehr bemüht, die Stadt kulturell voranzubringen und hat so vor einigen Jahren das Neue Theater Zeitz gegründet.

 

Wunderschöne Altbauten – Potenzial für Neues

Doch nicht nur das gut sanierte Anwesen der Familie Rossner, auch andere wunderschöne Altbauten und Villen, die vom ehemaligen Reichtum der Stadt zeugen, stehen noch – leider teils verlassen, weil ihre Familien nach der Enteignung nie wieder zurückkehrten oder Erbstreitigkeiten die Sanierung ins Stocken geraten ließen. Und so wünsche ich mir für die Stadt, dass interessierte Investoren diese Gebäude vor dem Verfall bewahren. Was für wunderschöne Design-Hotels hier entstehen könnten! „Wir haben viele schöne, rote Klinkerbauten, die heute nicht mehr für industrielle Produktionen geeignet sind. Man hat also sehr viel Platz und viele Gebäude mit ungewöhnlichen Raumzuschnitten, die man für die Kreativwirtschaft nutzen könnte“, sagt der Zeitzer Oberbürgermeister Christian Thieme. Dabei denkt er an Design, Web, Architektur, Film, Fernsehen und Funk – an einen wirtschaftlichen Hintergrund. Berlin und Leipzig sind nicht weit entfernt. Leipzig mit der S-Bahn gar nur 30 Minuten nah.

 

 

 

Straße der Romanik: Die Region für Weinliebhaber und lokale Spezialitäten

Regionalität wird in Zeitz groß geschrieben: So ist der Wochenmarkt auf dem Roßmarkt in Zeitz auch stets gut besucht. In gemütlicher Atmosphäre bringen hier lokale Bauern und Handwerker ihre Ware an den Kunden. Wie der Hühnerhof Zimmermann oder Konditormeister Scheibner.

Und das Land zwischen Saale, Unstrut und der Weißen Elster zählt zu den schönsten Mitteldeutschlands. Entlang einer 17 km langen Strecke durch das Tal der Weißen Elster, die vom Kloster Posa Zeitz über Haynsburg – Wetterzeube -Schleckweda nach Trebnitz führt, besteht die Möglichkeit, sich im Rahmen von Weinverkostungen und Weinbergführungen von der Qualität der hiesigen Tropfen zu überzeugen. Die Weinhöfe und Weingüter laden Interessierte dazu ein. Ein Ziegenhof und ein Beeren- und Straußenhof bieten zudem regionale Spezialitäten an. Herrliche Weinberge mit steilen Terrassen, jahrhundertealte Trockenmauern und romantische Weinbergshäuschen prägen das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut. Geschichtsträchtige Orte und mittelalterliche Burgen, Schlösser und Kirchen an der Straße der Romanik bieten ein reizvolles Ambiente und laden zum Verweilen ein. Die Geschichte und die Erfahrungen des Weinbaus reichen bis in das 9. Jahrhundert zurück. Gute klimatische Verhältnisse, die besondere Bodenart, die sorgfältigen Arbeit im Weinberg und die Verarbeitung qualitativ hochwertigen Lesematerials lassen Weine von ganz besonderer Güte entstehen – davon konnte ich mich selbst überzeugen und zwar im Weingut Marcel Schulze, der seit 2012 in jedem Jahr mit dem Bundesehrenpreis (höchste deutsche Weinauszeichnung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft) ausgezeichnet wurde. Angebaut wird der Wein unter anderem an den Hängen von Kloster Posa Zeitz.

Wo wir gerade beim Thema Kloster sind …

… möchte ich unbedingt auch den jüngsten Wandel in der Stadt aufzeigen. Die ARD betitelte Zeitz gar als Konkurrenz fürs hippe Leipzig. Seit seiner Gründung im Jahre 2013 hat der sachsen-anhaltinische Verein Kultur- und Bildungsstäte Kloster Posa die Anlage eines ursprünglichen Benediktinerklosters aus dem 12. Jahrhundert zu neuem Leben erweckt, das bis dahin lange Jahre zweckentfremdet wurde bzw. ungenutzt war. Inzwischen hat er mehrere Häuser des Ensembles bewohnbar gemacht und zu einer Kultur- und Begegnungsstätte entwickelt. Seit seiner Eröffnung realisiert er dort eine Vielzahl unterschiedlichster Veranstaltungen aus den Bereichen Natur und Umwelt, Gesellschaft und Soziales, Kultur und Bildung bis hin zu Kunst und Handwerk.

Um seine Netzwerke auszubauen und über die Region hinaus Strahlkraft zu entfalten, finden jährlich Sommerakademien der Künste, bei der in Kooperation mit Studierenden, Professoren und Künstlern interdisziplinäre Werkstätten angeboten werden, statt. Als thematische Schwerpunkte werden digitale Transformation, Design und Gesellschaft sowie die Frage nach einer funktionierenden Zivilgesellschaft gesetzt. Treibende Kraft dieser neuen Generation Zeitzer*innen, die die alten Industriebauten für sich entdeckt hat, ist der bildende Künstler Philipp Baumgarten, der in Zeitz aufgewachsen ist. Er studierte in Dresden und Karlsruhe, kehrte aber vor vier Jahren zurück in die Heimat, um deren Potenzial zu nutzen: großzügige Locations und günstige Mieten. So pachteten er und ein paar Freunde das leerstehende Kloster auf dem Bergsporn Bosau (Posa), um es in ein Kulturzentrum zu verwandeln. Baumgarten sowie weitere Erwachsene und Kinder leben hier und im Stadel sind Ateliers eingerichtet. Ein spannender Beitrag zur Thematik findet sich hier.

 

Wandern, Biken und Natur

Rund um das Schloss Moritzburg erstreckt sich der rund zwölf Hektar große Schlosspark Moritzburg Zeitz. Im Zuge der 1. Landesgartenschau Sachsen-Anhalt 2004 wurde das Gelände komplett saniert und in seiner ursprünglichen Form gestaltet. Historische Bauten wie die Orangerie und das klassizistische Badehaus geben dem Park seinen reizvollen Glanz. Bei einem Spaziergang durch die zahlreichen Themengärten, den ehrwürdigen Rossner-Park oder durch den verspielten Lustgarten lassen sich Abwechslungsreichtum und Erholung auf hohem Niveau verbinden. Besonders beliebt ist der Japanische Garten, der dem Besucher Raum für Ruhe und Entspannung lässt. Auf einer Fläche von 1.200 Quadratmetern findet man ein fernöstliches Kleinod, in dem die Meere, Flüsse und Seen symbolisiert werden.

Die Open-Air-Bühne am Johannisteich lädt während der Schlossparksaison zu zahlreichen Veranstaltungen ein. Es finden Konzerte, Theateraufführungen und verschiedene Feste statt. Mit einem großen Sandspielplatz, einem Tiergehege und einem Wasserspielplatz bietet das Gelände auch für junge Besucher Spaß und pure Erlebniswelten. Direkt am Elster-Radwanderweg, im Ortsteil Zangenberg erwartet den Radfahrer oder Wanderer ein ganz besonderes familienfreundliches Erlebnis. Das Motto, des 2011 eröffneten Parcours, lautet: “Lebensraum Laubbaum – von der Wurzel bis zur Krone aktiv kennen und erforschen”. Drei räumlich miteinander verbundene Natur-Erlebnis-Pfade, die die vorhandenen Gehölzlebensräume in unterschiedlichen Ebenen (Boden-, Strauch- und Baumkronenebene) darstellen, laden ein, die Natur zu entdecken. Dabei geht es bis zu acht Meter in die Höhe um den Wipfelbereich des Baumes zu entdecken, aber auch die bodennahen Bereiche können erforscht werden.

Die Ausführung der abenteuerlich gestalteten Pfade bietet die Möglichkeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Natur hautnah zu erleben und mittels der vorhandenen Schautafeln das eigene Wissen zu den Bewohnern des Waldes, wie z.B. Säugetieren, Lurchen und Insekten, zu erweitern. Der Pfad steht ganzjährig rund um die Uhr zum Entdecken zur Verfügung.

Die Geschichte von Zeitz hautnah erleben

Auch das kann man hier ganz wunderbar: Bier spielte in Zeitz schon immer eine entscheidende Rolle. Einerseits diente es als Getränk, andererseits nutzte man es auch bei der Zubereitung von Suppen. In den zahlreichen Brauhäusern der Stadt wurde zwischen September und April das Jungbier gebraut, das dann in Holzgefäßen zu den brauberechtigten Häusern der Stadt gebracht wurde, wo es zum Zwecke des Reifens und Lagerns in kühlen Kellergewölben seinen Platz fand. Vor allem im 15. und 16. Jahrhundert hatte das Brauhandwerk in der Stadt Zeitz Hochkonjunktur. Die Brausteuer bildete eine der wichtigsten Einnahmequellen der Stadt. Aus dieser Zeit stammen wohl die meisten der unter der Altstadt befindlichen Gänge und Gewölbe. Erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte verloren sie nach und nach von ihrer eigentlichen Bedeutung. Zunehmend wurden Biere auch aus anderen Städten eingekauft, und große Brauereien produzierten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Biere in bis dahin unbekannten Dimensionen, sodass sich das Betreiben kleiner privater Brauereien nicht mehr rentierte.
Mit der Eröffnung einer ersten Führungsstrecke durch die Interessengemeinschaft “Unterirdisches Zeitz” e.V. am 19. Juni 1992 wurde die Gelegenheit geschaffen, dieses Kapitel der Zeitzer Geschichte hautnah zu erleben. Unbedingt ausprobieren!

Das schwarze Gold: Und in Zeitz kann man auch die älteste, erhaltene Brikettfabrik der Welt – den Zeitzer Herrmannschacht – besuchen. Ein einzigartiges Relikt regionaler Bergbaugeschichte. Benannt nach Richard Herrmann, wurde hier 1889 mit der Produktion begonnen, die erst Ende 1959 eingestellt wurde. Der Herrmannschacht wurde bereits 1961 unter Denkmalschutz gestellt. 2009 wurde die Brikettfabrik feierlich in die Europäische Route der Industriekultur aufgenommen. Beginnend bei der Entstehung des schwarzen Goldes im Braunkohlewald vor 45 bis 15 Millionen Jahren, versetzt den Besucher dann der einzigartige Maschinenbestand von 1889 in die Zeit von dampfenden Maschinen und Kohlenstaub: die Brikettproduktion in der Fabrik. Eine eindrucksvolle Sammlung historischer Öfen im Ofenmuseum gibt einen Einblick in das Leben mit der Kohle, das damals wie heute zum Leben gehört. Für Eisenbahnfans werden die begehbaren Loks sowie der Miniaturpark auf dem Gelände zum spektakulären Erlebnis.

Mehr Infos gibt es hier.

15 responses to Zeitz – Der Geheimtipp in Sachsen-Anhalt

  • Sauerbier, Jochen sagt:

    Gut geschrieben, Kompliment.

  • Lars sagt:

    Wir brauchen mehr solcher Informationen über unsere Stadt. Sie hat es verdient, wieder mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Vielen Dank, toll geschrieben.

  • D. Bauer sagt:

    Es ist schön dass auch einmal jemand die interessanten Seiten der Region betont.

  • Mario Worms sagt:

    Sehr gut recherchiert! Kompliment! Man muss lange in unserer Umgebung suchen, um eine Stadt mit derart vielen und unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten zu finden. Meines Erachtens kommt genau das im Beitrag zum Ausdruck.

  • Nina Aryapour sagt:

    Vielen Dank für die positiven Kommentare! Es freut mich, dass immer mehr Menschen dieses kleine Juwel von Stadt zu schätzen wissen!

  • Hans Arnhold sagt:

    Super, danke für diese Liebeserklärung an unsere Heimatstadt. Es gibt auch noch einen wunderschönen Radwanderweg der entlang der Weissen Elster über die Leipziger Seenlandschaft bis zum Mündungsgebiet in die Saale
    führt.

  • Kobelt, vera sagt:

    Endlich mal ein Beitrag, der zeitz positiv sieht und nicht als geisterstadt mies macht und damit die bemühungen vieler, die zeitz voranbringen wollen gleich zunichte macht👍👍👍

  • Joachim Hauck sagt:

    Toll, dass von den im Westen Deutschlands nicht so bekannten Städten Sachsen-Anhalts eine die Ärmel hochkrempelt und die Zukunft gestalten wird. Ich wünsche den Verantwortlichen der Stadt Zeitz und den Initiatoren der kulturellen Projekte viel Erfolg.

  • Wettig, Annelore sagt:

    Ich finde es toll, daß Zeitz so gut dargestellt wird und hoffe, daß in der nächste Zeit es immer weiter vorwärts geht.Zeitz hat es verdient.👏

  • Ilka Müller sagt:

    Eine gute Werbung für Zeitz. Das freut mich für meine Heimatstdt, macht mich aber auch wehmütig, besonders wenn ich daran denke, was es in Zeitz vor 1990 alles gab, an Industrie, Kultur… z.B. ein gutes Theater, welches nach der Wende abgerissen wurde. Was für rin Irrsinn, wenn ich jetzt hier lese, dass man versucht Neues Theater ins Leben zu rufen.

  • Gerd sagt:

    Göbitz ist keinen Besuch wert

  • Lutz Wagemann sagt:

    Bei der Urbarmachung nach 1990 des Klosters Posa ist die Leistung des Ehepaares Hörig bei Abbruch und Aufbau von Teilgebäuden und Aufrebung des Weinberges nicht berücksichtigt worden.

  • rolf speda sagt:

    es ist schön daß sich zeitz wieder zu einer schönen stadt entwickelt.über 1.000 jahre haben zum glück
    viele spuren hinterlassen.viel erfolg für denweiteren weg.

  • Michael Eiländer sagt:

    Sehr schön geschriebener Artikel, der wirklich das Interesse weckt und Lust auf eine Besuch macht.

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