Bohème der Zwanzigerjahre: Die etwas andere Berliner Stadtführung

Bohème der Zwanzigerjahre: Die etwas andere Berliner Stadtführung

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Die Zwanzigerjahre haben es mir angetan. Die Ausstellung Tanz auf dem Vulkan, die leider bereits vorbei ist, war für mich also eine Pflichtveranstaltung. Im Rahmen dieser Ausstellung bin ich auf die thematischen Führungen von Stadt-Ansichten aufmerksam geworden.

Insbesondere auf die Führung zum Thema „Der Kurfürstendamm und die Bohème der Zwanziger Jahre“. Bei diesen Führungen lernt man bestimmte Stadtteile einmal ganz anders kennen und erfährt spannende Anekdoten zu Gebäuden und auch Personen.

Peter Grosch in der SchaubühnePeter Grosch in der Schaubühne

Und so machen wir uns mit Peter Grosch, Architekt und Mitglied des Vorstands der Architektenkammer Berlin, auf eine Zeitreise in das Berlin der Zwanzigerjahre. Ausgangspunkt ist das Denkmal von Konrad Adenauer am gleichnamigen U-Bahnhof. Ich bin schon beim ersten Halt erstaunt, da ich bereits 100 Mal an diesem Gebäude vorbeigelaufen bin, ohne zu wissen, dass es das schmalste Baugrundstück der Stadt ist – vor Jahren das Nonplusultra, bis sich herausstellte, dass das Gebäude kaum nutzbar ist.

Weitere Stopps sind unter anderem die Schaubühne, deren Gebäudekonstrukt Teil des WOGA-Komplexes am Lehniner Platz ist, das 1928 von Erich Mendelsohn errichtet wurde. Damals als das größte Kino, das „Universum“ der Stadt mit rund 1800 Sitzplätzen. Der Komplex ist stilistisch der neuen Sachlichkeit zuzuordnen und sollte eine Verbindung aus Kulturstätten, Einkaufsmöglichkeiten und Wohngebäuden sein.

Das heutige Apartment-Haus war ursprünglich als Hotel geplant. Der Schwarze Freitag von 1929, führte jedoch dazu, dass sich die Investoren statt für ein Hotel für ein weiteres Wohngebäude aussprachen, das aber heute immer noch bewohnt ist und nichts an Modernität eingebüßt hat.

Besondere TürknäufeEin besonderer Türknauf

Eine weitere schöne Etappe der Führung ist das mittlerweile aufwendig sanierte Haus Cumberland, das 1911/12 von Robert Leibnitz, dem Architekten des alten „Hotel Adlon“, erbaut wurde (hier ein Video mit der Geschichte des Hauses). Es war schon damals als „Boarding-Palast“ angedacht, nur fehlte leider die Nachfrage für diesen Service. Später wurde es als Grandhotel und Finanzbehörde genutzt, bis es lange leer stand.

Der Name erinnert übrigens an Ernst August, Kronprinz von Hannover und Herzog von Cumberland, dem das Gebäude gewidmet war. Das Grosz, in dem man heute wunderbar Kaffee und Kuchen, aber auch einen Drink nehmen kann, zählt zu meinen Lieblingsorten auf dem Kurfürstendamm. Unbedingt einmal reinschauen. Hier kann man ein wenig in alten Zeiten schwelgen und erhält eine Idee, wie pompös das Haus einmal war.

Das Haus Cumberland auf dem KurfürstendammDas Haus Cumberland auf dem Kurfürstendamm

Auch wusste ich nicht, dass Tilla Durieux, eine der gefragtesten Schauspielerinnen der Weimarer Republik, einst in meiner Nachbarschaft gelebt hat. Und dort in der Bleibtreustraße, wohl einer der schönsten Nebenstraßen des Kurfürstendamms, ermöglicht einem Peter Grosch bei der Führung Zutritt zu Häusern, der einem sonst verwehrt bleibt.

Die  Bleibtreustraße

Dabei eröffnen sich einem wunderschöne und besondere Hauseingänge, die mit ihren Schnitzereien und Wandmalereien alten Burgen nachempfunden wurden. Zudem erklärt Grosch, wie beispielsweise der Stuck der einzelnen Häuser ausgewählt wurde – äußerst interessant, denn aus Katalogen konnte man damals verschiedene Varianten „shoppen“.

Während der Führungs gibt es zahlreiche pompöse und burgähnliche Hauseingänge zu sehen

Die Führung schließt am wunderschönen Literaturhaus, einer Oase mitten in der Stadt, in der ich schon so häufig war. 1889/1890 wurde die Villa für den späteren Charlottenburger Abgeordneten Richard Hildebrandt und seine Frau erbaut. Sie führten ein gastliches Haus, in dem Forscher und Schauspieler verkehrten. Max Bruch hat hier beispielsweise musiziert.

Dass das Haus lange als Villa allein auf weiter Flur stand, später Etablissement mit häufig wechselnden Zweckbestimmungen (Reservelazarett im Ersten Weltkrieg, Volksküche, am Ende der zwanziger Jahre ein Haus der Alexander von Humboldt-Gesellschaft für ausländische Studierende, Café, Diskothek und gar Bordell) wurde und in den 80ern fast einmal einer Autobahn zum Opfer gefallen wäre, habe ich allerdings erst bei dem Rundgang erfahren.

Das Literaturhaus und die pittoreske Fasanenstraße

Ähnliche Führungen zur Thematik der 20er Jahre gibt es auch im Scheunenviertel / Alexanderplatz sowie eine Spurensuche rund um den S-Bahnhof Friedrichstraße. Geführt werden die Stadt-Ansichten jeweils von Peter Grosch, Dipl. Ing. Architekt und Stellvertretender Landesvorsitzender BDB-Berlin. Grosch hat ein enormes Wissen, das er gerne teilt. Zudem sind seine Ausführungen auch häufig bebildert, was sehr spannend ist. Für alle, die demnächst in Berlin sind: Es gibt noch zwei Führungen, die sowohl am 27. Februar, als auch 26. März jeweils um 15 Uhr starten.

Aber auch andere thematische Stadtrundgänge zum Regierungsviertel, den Berliner Kiezen oder der historischen Stadtmitte sind im Angebot. Die Idee dahinter: Berlin als Lebensraum mit seinen vielfältigen sozialen, kulturellen und künstlerischen Verflechtungen und Ambitionen abzubilden und zu veranschaulichen.

 

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