Die Schildkröten von Marathon

Die Schildkröten von Marathon

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Jüngst habe ich zum ersten Mal die Florida Keys besucht. Damit assoziiert man zunächst mal Karibikfeeling, Cocktails, sensationelle Sonnenuntergänge und Ernest Hemingway. Der Schriftsteller hat ja bekanntlich zehn Jahre seines Lebens im Inselparadies Key West verbracht. Aber das nur am Rande – auf halber Strecke, in der Kleinstadt Marathon, habe ich nämlich etwas viel Spannenderes entdeckt: das Hidden Harbor Motel.

Der weitläufige Komplex liegt ganz idyllisch am Golf von Mexico. Allerdings – zweibeinige Gäste hat dieses Motel schon lange nicht mehr gesehen. Auf dem Vorplatz parken drei Ambulanzwagen. Das ehemalige Empfangsgebäude beherbergt eine Fotodokumentation, einen Vortragsraum, eine Krankenstation und einen Souvenirshop.

Und im grosszügigen Pool drehen nicht etwa Badenixen ihre Runden, sondern Schildkröten. Seit 1986 ist das Hidden Harbor Motel ein Turtle Hospital. Hier werden kranke oder verletzte Meeresschildkröten gepflegt, aufgepäppelt und wieder in die Freiheit entlassen.

Turtle Hospital

Zu den Patienten zählen die bedrohten Arten: Green Turtles (Grüne Meereschildkröten), Loggerheads (Unechte Karettschildkröten), Leatherbacks (Lederschildkröten) und Kemp`s Ridleys (Atlantik Bastardschildkröten). Auf einer 90-minütigen Führung lernen wir nicht nur die Arbeit des Turtle Hospitals kennen, sondern auch die schwimmenden Bewohner.

Die Umstände für die Einlieferung der Tiere sind verschieden und – häufig menschengemacht. Zunehmende Umweltverschmutzung, rücksichtlose Freizeitkapitäne und achtlos entsorgter Abfall verursachen Krankheiten, Verletzungen und oftmals auch den Tod.

„Meeresschildkröten lieben Quallen“, erzählt Christine, unser Tour Guide. Im Meer treibende Plastiktüten ähneln dieser Leibspeise und landen nicht selten im Magen der Reptilien. „Wenn sie dann nicht rechtzeitig behandelt werden, sterben sie an einem Darmverschluss“, ergänzt Christine und zeigt noch ein Foto vom Mageninhalt einer Schildkröte: die Überreste eines Luftballons, ein Einweghandschuh, Flaschendeckel – verdauungsförderlich ist das ganz sicher nicht.

Eine weitere Gefahr sind herrenlose Angelschnüre und Bojenleinen. Die im Wasser paddelnden Schildkröten verheddern sich leicht darin und schnüren ihre Flossen ab. Oft bleibt dann nur die Amputation.

Umso schöner ist es, dass das Hidden Harbor Marine Environmental Project, so der offizielle Name, eine echte Erfolgsgeschichte ist. In den vergangenen 29 Jahren wurden mehr als 1500 Tiere behandelt. Sobald eine Schildkröte bereit ist, wieder ins Meer entlassen zu werden, informieren die Mitarbeiter auf der Webseite und in den Sozialen Netzwerken über den Termin. Ein Spektakel, das regelmässig zahlreiche Zuschauer anlockt.

In der vollausgestatteten Krankenstation können die Ärzte Schildkröten aller Arten und Grössen operieren. Die meisten Gerätschaften wurden von lokalen Krankenhäusern und Ärzten gespendet.

Krankenstation

Für die pflegebedürftigen Schildkröten stehen grosse Wassertanks bereit. Das Turtle Hospital verfügt über zwei Krankenabteilungen. Der Hauptbereich ist den Patienten vorbehalten, die an Verletzungen und Darmverschluss leiden.

Wassertank

In der anderen Abteilung sind die Schildkröten untergebracht, die mit dem mysteriösen Fibropapilloma-Virus infiziert sind. Betroffene Tiere wie Gilligan weisen Tumore an den Gliedmassen, den Augen und am Mund auf. Sie beeinträchtigen Bewegung, Sicht und Futteraufnahme der Schildkröten. Manche sind so gross wie ein Tischtennis-Ball.

Die schnell wachsenden Wucherungen haben Ähnlichkeit mit einem Blumenkohl und rufen bei mir eine Mischung aus Faszination und Ekel hervor. Besonders stark betroffen von dieser Krankheit ist die Grüne Meeresschildkröte.

Im Turtle Hospital werden die Tumore schrittweise entfernt, danach stehen die Reptilien bis zu drei Jahre unter Beobachtung. Erst wenn die Ärzte sicher sind, dass keine neuen Wucherungen auftreten, werden die Tiere wieder in die Freiheit entlassen. Bevor eine Schildkröte operiert wird, schreiben die Helfer den Namen des Tieres mit wasserfester Farbe auf den Panzer.

Gilligan

Neben den akuten Fällen gibt es im Turtle Hospital auch fünf Dauergäste, die in freier Wildbahn keine Überlebenschance hätten. Sie haben im Salzwasser-Pool des ehemaligen Motels ein neues Zuhause gefunden und freuen sich immer über eine Extra-Portion Futter von Mitarbeitern und Besuchern.

Einer von ihnen ist „Bubble Butt“. Er wurde von einer Schiffsschraube verletzt und leidet am so genannten Bubble Butt-Syndrom. Durch einen Riss im Panzer bilden sich Lufttaschen, die die Knochenplatten stark deformieren. Die Folge: die Schildkröte dümpelt an der Wasseroberfläche und kann nicht mehr abtauchen, um Nahrung vom Meeresboden aufzunehmen.

Bubble-Butt

Doch nicht alle vom Bubble Butt-Syndrom betroffenen Tiere müssen in Gefangenschaft bleiben. Mit künstlichen Gewichten, die auf den Panzer geklebt werden, sorgen die Ärzte im Turtle Hospital dafür, dass die Patienten wieder abtauchen können.

Gewichte

Übrigens: Bubble Butt und seine vier gepanzerten Freunde können adoptiert werden. Gegen eine Spende von 35 Dollar pro Jahr erhält man ein Foto, eine Biografie sowie regelmässige Updates von seinem Schützling sowie ein Adoptionszertifikat.

Das grossartige Engagement des Turtle Hospital von Marathon hat mich wirklich berührt. Und wenn es auch in der Schweiz keine Schildkröten und kein Meer gibt, kann ich Euch nur eines mit auf den Weg gebe: Verzichtet beim nächsten Einkauf mal auf die Plastiktüte und entsorgt Euren Abfall dort, wo er hingehört. Die Umwelt wird es Euch danken!

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