Ein asiatisches Missverständnis

Ein asiatisches Missverständnis

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Ja, ich habe auf dieser Reise meinen Bewegungsdrang und meine Vorliebe für das Velofahren wiederentdeckt. Folglich nahm ich mir vor, auch die Sehenswürdigkeiten von Hue mit dem Fahrrad zu entdecken. Ein Entscheid, den ich aufgrund eines Missverständnisses noch heute in meinen Muskeln spüre.

Beim Mittagessen am Ankunftstag im liebevoll im Kolonialstil restaurierten „Jardin des Caramboles“ traf ich auf eine lokale Reiseführerin, die mit Deutsch sprechenden Gästen auf einer privaten Stadtrundfahrt unterwegs war. Ihr Deutsch war – so stellte ich zumindest fest – nahezu perfekt. Ich nahm die Gelegenheit wahr und fragte sie nach einem erfahrenen Reiseführer (Sprache egal, soweit es sich nicht um Vietnamesisch handle) der bereit war, mit mir und mit dem Fahrrad am nächsten Tag die Zitadelle und die Kaisergräben zu besuchen.

Asiaten sagen nie „Nein“, deshalb ist Rückfragen und Rückbestätigen immer Pflicht. Genau diese Regel habe ich missachtet, als sie mir mit Bestimmtheit und Überzeugung Lee empfahl, den sie gerade anrufen wollte. Sie vereinbarte in meinem Namen den Tagesausflug. Ein bisschen zu selbstzufrieden – wie sich im Nachhinein herausgestellt hat – genoss ich meinen „genialen“ Schachzug, verliess das Lokal und begab mich zum Fluss für einen schönen Mittagsschlaf im Schatten der Trauerweiden am Ufer.

Jardin des CarambolesLiebevoll restauriert: Der Jardin des Caramboles in Hue

Am nächsten Morgen traf Lee pünktlich ein. Und hier stand er, das lebende Missverständnis. Ein perfekt ausgerüsteter, rund 40-jähriger „Spitzensportler“ mit durchtrainiertem Körper und „Gümmelerwädli“. Ich sprach ihn an und merkte sofort, dass er sozusagen kein Englisch oder Französisch verstand und somit die Hände von jetzt an eine wichtige Rolle bei der gegenseitigen Verständigung einnehmen mussten. Mit gemischten Gefühlen fuhren wir gemeinsam los. Lee schlug sofort ein flottes Tempo an.

Ich hoffte insgeheim, dass sich das Tempo im Laufe des Tages auf ein für mich vernünftiges Mass einpendeln würde. Doch dann die Hiobsbotschaft: Seinen Auftrag hatte er nicht als eigentliche Reiseführung verstanden sondern als Trainingseinheit mit einem lockeren, 50 Kilometer langen Ausflug mit unseren Mountainbikes. Abgemacht ist abgemacht – ein Rückzug in letzter Minute kam für mich nicht in Frage. Aber ein ausgehandelter Kompromiss – vierzig Kilometer sollten für heute genügen.

Gemächlich durch den Stadtverkehr von HueZweiräder sind Trumpf in der Innenstadt von Hue

Die ersten Kilometer im Stadtverkehr bewältigten wir problemlos. Dann ging es aber aus Seitenstrassen und auf kaum erkennbaren Pfaden durch die Reisfelder weiter. Das Ganze wurde langsam mühsam. Dies umso mehr, als dass ich ja nicht von mir behaupten kann, ich sei wirklich durchtrainiert. Weil ich kleinere Gänge fuhr musste ich mich ständig beeilen, dem Tempo von Lee zu folgen. Der erste Halt kam mir sehr gelegen. Wir besuchten eine kleine Feuerwerk-Manufaktur. Sie hatten gerade Hochsaison, da das chinesische Neujahr bevorstand. Gierig und dankbar trank ich die angebotene Wasserflasche aus.

Ein Kindergarten-Besuch stand auch auf dem ProgrammEin Besuch im Kindergarten sorgt für gute Laune

Es ging weiter zur nächsten Station – einem Kindergarten. Die süssen Zwerge liessen mich die aufkommenden Schmerzen vergessen. Ich wagte zu fragen, wie viele Kilometer wir schon gefahren seien. „Eight kilometers“ war die niederschmetternde Antwort. Mir graute vor den restlichen 32 Kilometern… Mit diesem fixen Gedanken im Kopf fuhr ich weiter und konnte den aufkommenden Ärger über meine unbesonnene Zusage und über das nicht Nachhaken bei der Reservation kaum verstecken.

Schlecht gelaunt und zunehmend müde nahm ich mit Lee die nächsten Klippen in Angriff. Er hielt mich offenbar für die Rad-Legende Albert Zweifel, denn die gewählten Wege wurden immer schwieriger. Na ja, wir fuhren ja Mountainbikes…

Abkürzungen durch Reisfelder„Abkürzungen“ durch Reisfelder

Mit Händen und Füssen erklärte mir Lee, dass es sich um Abkürzungen handle, die uns schneller an die angestrebten Ziele führten, als die regulären Strassen. Es standen ja noch vier Kaisergräben bevor. Diese sind übrigens wirklich beeindruckend, in den meisten Fällen an Hängen mit unendlich langen Treppen gebaut – deren Besichtigung also eine weitere Übung zur Körperertüchtigung. Neidisch schielte ich auf die wohlgenährten Touristen, die mit Minibussen das gleiche Programm absolvierten. Ich hatte kaum Augen für die Schönheiten der besuchten Stätten. Ein fixer Gedanke verfolgte mich: Du musst es schaffen!

Zum willkommenen Mittagshalt gab es ein Lichtblick – sehr schmackhafte Reisrollen zum selber machen. Man nimmt ein Reispapier und füllt es mit Reisnudeln, frischen Kräutern, einem Stück Huhn vom Grill, Soja, wickelt alles zusammen und taucht das Kunstwerk in eine süss-saure Sauce: köstlich! Ich zeigte mich von der grosszügigen Seite und bezahlte alles – es kostete mich, inkl. Bier und Softdrinks, umgerechnet sechs Franken für zwei Personen…

Zitadelle12Die Kaisergräben bei Hue sind beeindruckend

Es blieben 10 Kilometer. Frisch gestärkt nahmen wir auch diese in Angriff. Lee hatte das Tempo angepasst und gesehen, dass ich zunehmend neue Positionen auf dem Sattel suchte. Die Stadtgrenze von Hue war endlich in Sicht, das Ziel nahe. In Gedanken widmete ich mich bereits der Massage im SPA meines Hotels, die sofort nach Ankunft gebucht werden musste. Ich verabschiedete mich von Lee, entschuldigte mich für meinen Missmut und dankte ihm, dass er das Beste aus dem Missverständnis gemacht hatte.

Erst als ich nach einer 60-minütigen Massage meine Fotos und Videos durchsah fiel mir auf,  was für einen tollen, intensiven und hochinteressanten Tag ich erlebt hatte. Und hier neuerlich die Auffrischung einer eigentlich offensichtlichen Erkenntnis: der beschwerlichere Weg ist vielfach der bessere!

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