Belgrad und die zwei Kehrseiten der Medaille

Belgrad und die zwei Kehrseiten der Medaille

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Ja, ich gebe zu, in der Schule hatte ich oft einen Fensterplatz und genaue Kenntnisse der Geschehnisse in Osteuropa: Fehlanzeige. Bis ich die Stadt zum ersten Mal gesehen hatte, konnte ich mir unter „Belgrad“ nicht viel vorstellen. Ausser „grau“ und „da war doch mal Krieg“ war da nichts.

Bereits kurz nach Ankunft war mir dieses Unwissen ein wenig unangenehm. Denn das, was ich hier – an diesem wunderschönen Fleck Erde, wo Sava und Donau ineinanderfliessen – angetroffen habe, ist soviel mehr.

Wo Sava und Donau ineinanderfliessen

Doch nun meine Belgrad-Geschichte von vorne: Um eine Freundin zu besuchen habe ich für Ende September 2015 einen Flug gebucht. Habe vor dem Abflug einmal kurz „Belgrad“ gegoogelt. Das ernüchternde Resultat: Ein Zitat von Le Corbusier, der einmal gesagt haben soll: „ Belgrad ist die hässlichste Stadt der Welt am schönsten Ort der Welt.“ Da ich, was das Reisen angeht, eher spontan unterwegs bin, waren damit meine Reisevorbereitungen abgeschlossen.

Nach dreistündiger Verspätung, einem gratis Sandwich – da Verspätung – und einem sehr angenehmen Swiss-Flug bin ich also in Belgrad angekommen. Mit dem Auto ging es zuerst durch „Neu-Belgrad“: Breite Strassen, Plattenähnliche bauten – kurz: nichts Spezielles.

Kaffees und Bars in der Altstadt von Belgrad

Weiter ging die Fahrt nach „Alt-Belgrad“, genauer gesagt ins Quartier „Stari-Grad“ – ein Viertel, das genau das repräsentiert, was mich an Belgrad sofort fasziniert hat: In kleinen Pflastersteinalleen reihen sich kleine Kaffees und Bars aneinander – teilweise von der Strasse her nicht erkennbar, aber mit wunderbarem Hinterhof.

Dazwischen finden sich vereinzelt junge Modelabels sowie viele Bäckereien (wer türkische Backwaren mag, kommt hier voll auf seine Kosten: beispielsweise frischer Börek gefüllt mit Käse oder hier eben Burek), Bücherläden (Belgrad scheint eine Stadt voller Dichter und Denker zu sein) und Eisdielen (ein Grund mehr sich sofort in die Stadt zu verlieben).

Wahrscheinlich liegt es an meiner Liebe zu Grossstadtvibe, meiner Liebe zu Nostalgie und meiner grossen Schwäche für alles was glitzert und glänzt, aber was ich an meinem ersten – irgendwie wurde die Tour plötzlich sehr lange – Marathon durch die Strassen alles gesehen habe, hat mich umgehauen.

Begonnen hat meine Touri-Tour beim Slavia, ein Riesenkreisel nahe der Innenstadt, etwa zehnspurig, da keine Bodenmarkierungen. Dort ist mir als erstes ein grünes Basler Tram entgegengefahren mit der Aufschrift: „Switzerland and the city of Basel greet Belgrade“…

Basler Drämmli in BelgradBasler Drämmli in Belgrad

Wie nett wir doch sind….nun gut, mit ein bisschen unerklärlichem Heimatstolz im Bauch gings entlang der „Kralja Milana“, vorbei an Bücherläden, einem Blumenmarkt, Kaffees und Eisständen bis zur Fussgängerzone „Knez Mihailova“ (Netterweise haben meine Gastgeber mir erlaubt diese „Mike Strasse“ zu nennen, da der serbische Name mir einfach nicht im Kopf bleiben wollte).

Also die Mike Street entlang – übrigens autofrei und sehr empfehlenswert für Shopping, draussen dinieren und schlendern – bis zur Saborna Crkva– einer bezaubernden orthodoxen Kathedrale.

Diese liess mein kleines-Mädchen-liebt-Gold-und-Kitsch-Herz deutlich höher schlagen. Eine kleine aber feine orthodoxe Kirche, wie es sich gehört mit vielen Ikonen, viel Gold, viel Weihrauchgeruch und Kerzen – ein lohnenswerter Besuch.

Nun gings weiter, vorbei an einer Deutschen Touristengruppe (…“Heabeat sone Kiache habema doch a bäi uns…“) nach Frankreich. Nein, nicht nach Frankreich, aber in eine französische Zauberwelt, das Café Amélie: Tische aus alten Nähmaschinentischen und kleine Gänseblümchensträusse. Dies ein Beispiel dafür, wie einen die Stadt Belgrad an jeder Ecke wieder aufs Neue überraschen kann.

Café AmelieDas Café Amelie

Doch trotz meiner Begeisterung möchte ich hier die dunklere Seite, die zum Denken anregt, die betroffen macht, nicht auslassen. Beispielsweise die Überreste des verbombten ehemaligen Militärgebäudes an der Nemanjinastrasse zeugen von schwierigen Zeiten, die uns noch allen in Erinnerung sind. Und auch die finanziell schwierige Lage der Bevölkerung und des Staates ist überall präsent.

Militärgebäude von Bomben zerstört

Umso spannender und schöner ist es zu sehen und von den Einwohnern zu hören, wie sich die Stadt entwickelt hat. Wie alte Gebäude umgenutzt werden, wie beispielsweise alte Lagerhallen entlang der Donau zu In-Lokalen umgebaut werden und – hands down – wahrscheinlich eine der besten Kulissen für einen After-Work-Drink bieten.

Warenlager entlang der Donau vor dem UmbauEin Warenlager entlang der Donau noch vor dem Umbau…

Warenlager entlang der Donau nach dem Umbau…und nach dem Umbau

Eine Parallelwelt in der Skadarlija-Strasse

Wie sich in der kleinen Skadarlija-Strasse im bohemianischen Quartier eine kleine Parallelwelt für Bachelorette-Party-Touristen – lüpfige serbische Volkmusik inklusive – gebildet hat.

Und wie Peter seiner Anna auf die Wand neben dem derzeitigen Flüchtlings-Brennpunkt geschrieben hat „Liebe Anna, stell schon mal den Prosecco kalt und lass die Wanne einlaufen, bin gleich zurück, dein Peter.“

Danke Peter, dass du mir damit ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hast, an einem Ort, der eher zum Weinen wäre…Eine Medaille mit zwei Kehrseiten. Ein Auf-und Ab, wie ich es auf dieser Reise öfters erlebt habe und für mich „typisch Belgrad“ geworden ist.

Peters LiebeserklärungPeters Lieberserklärung

Belgrad ist ein „kleines“ Bijou – von Touristen noch relativ unentdeckt. Kann gut sein, dass dieser „Geheimtipp“ jedoch in Kürze zu einem der beliebtesten Städtereiseziele wird.

Mediterranes Lebensgefühl am Abend in den Strassen, französischer Charme oder Berliner Urban-Lifestyle in den vielen kleinen Kaffees, viel Grün, abwechslungsreiche Architektur, Boutiquen von Start-up Labels, atemberaubende Sonnenuntergänge am Fluss und dies alles – zumindest für Schweizer Verhältnisse – zu Spottpreisen.

Bar an der DonauBar an der Donau

Zudem getoppt durch die Gastfreundschaft der Einheimischen und deren spürbare Freude daran, dass jemand ihre Stadt besucht. Kurz, alles was es braucht um eine perfekte Städtereise zu verbringen.

Kaffee-Kultur-Kunst-Ort in EinemKaffee-Kultur-Kunst-Ort in Einem

Danke Belgrad, danke Tina. Es war top!

Von Sophie, die sich mit dem ersten Satz dieses Beitrags hoffentlich nicht bereits ins geistige Abseits geschossen hat. Sie entschuldigt sich im Übrigen, dass das gerühmte Belgrader Nachtleben mit keinem Wort erwähnt wird. Dies wird bei einem erneuten Besuch nachgeholt, versprochen.

Hier gibt es einige Tipps rund um Belgrad.

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