Auf der Welle ins Off – Surfen in Brasilien

Auf der Welle ins Off – Surfen in Brasilien

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Abschalten. Einfach mal offline sein. Nach vielen eher unbefriedigenden Versuchen habe ich einen Weg gefunden: Surfen. Ein Auszug aus meiner Reise ins Mekka der Wellenreiter.

“Get on your board.“ Ich folge den Anweisungen von Thomas, hieve mich aufs Brett und bringe mich in Stellung. Füsse locker, hohles Kreuz, gefühlte tausend mir bislang weitgehend nicht bekannte Muskeln sind angespannt. Thomas ist mein Surflehrer. 33 Jahre alt, Holländer, so aussehend, wie ein Surflehrer eben ausschaut. „Look behind you“, mahnt er mich. Mein Nacken brennt, die Schultern spüre ich schon länger nicht mehr. Warum tue ich mir das an?

„Here comes your wave, paddle, paddle, paddle ….” Ein sanfter Druck, der sich zu einem immer stärkeren Schub entwickelt. Thomas‘ Anweisungen werden von der Welle überrollt und verfliegen im Wind. Verflogen scheinen auch die Erinnerungen an die Trockenübungen an Land. Bevor ich die Positionen gedanklich auch nur ansatzweise ordnen kann, fliege ich bereits in hohem Bogen kopfüber ins Meer.

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Erste Versuche im Weisswasser

Die Welle spuckt mich aus. Da bin ich nun: in den Fluten des Atlantischen Ozeans an der südlichen Küste Bahias und werde wie eine Handvoll Buntwäsche mit höchster Drehzahl durchgeschleudert. Buntwäsche mit Jetlag, um genau zu sein. Denn vor weniger als 48 Stunden war ich noch in Zürich und versuchte, die letzten Ausläufer der E-Mail-Flut in den Griff zu bekommen, bevor ich das Land in Richtung Südamerika verliess, um in Itacaré, dem Mekka der Wellensurfer, einen Anfängerkurs in dieser Disziplin zu absolvieren.

Zurück zur „Warum-Frage“. Die stellt Thomas auch. Gleich zu Beginn erkundigt er sich bei Sina Lou und mir nach unserer Motivation. Sina Lou, per Zufall auch aus Zürich, wollte schon immer mal surfen lernen. Sie ist 20 Jahre jünger als ich. Dies sei an dieser Stelle am Rande erwähnt. Mein Anreiz war etwas komplexer: nach zwei Jahrzehnten mit überdurchschnittlicher sportlicher Betätigung ging mit dem Job-Wechsel die sportbegeisterte Bay baden. Die „Vier“ auf dem Rücken näherte sich mit grossem Tempo – währenddessen mich das geringste Tempo in Atemnot zu versetzen drohte.

Langer Rede kurzer Sinn: im Sommer 2013 kam ich zur Besinnung, killte mehrere innere Schweinehunde und treibe seither wieder regelmässig Sport. Da ich tendenziell zur Übertreibung neige, wollte ich meine nächsten Ferien ganz dem Sport widmen. Mit dem zusätzlichen Ziel, nach vielen gescheiterten Versuchen in vergangenen Ferien auch gedanklich ab-  und den Offline-Modus einzuschalten. Am besten würde dies gelingen, wenn man etwas ganz Neues lerne, meinte ein schlauer Kollege. Die Surf-Idee war geboren.

Er sollte Recht behalten. Die „Strategie“ wird ein Erfolg – das merke ich sogleich. Meine Gedanken drehen sich seit dem ersten Moment um Sina Lou. Ich bin doppelt so alt und halb so athletisch. Werde ich zur Lachnummer? Ich male mir aus, wie ich auch nach einer Woche nicht auf dem Brett stehen kann, während Sina Lou locker eine Welle um die andere surfen wird.

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Sina Lou aus Zürich hat das Surf-Gen im Blut

Thomas kann nicht nur surfen, sondern auch Gedanken lesen. Ob jung oder alt, dick oder dünn – surfen lernen kann jeder. Im „Kopf muss es stimmen“. Gesagt und los geht’s. Jede bekommt ein Brett, ein stabiles Long Board, und wir laufen zum Fluss, wo wir zuerst das Paddeln üben werden. Es ist heiss. Verdammt heiss. Die Sonne brennt auf meinen von der Reise, Zeit- und Klimaverschiebung gebeutelten Körper. Als wir beim Ufer ankommen, ist mir schwindlig.

Thomas kennt kein Erbarmen. Aufwärmen. Aufwärmen? Ich glaube, ich spinne. Widerstand wäre am ersten Tag nicht angebracht. Wir hüpfen, dehnen und schütteln die Gelenke. Wir lernen die wichtigsten Positionen und bekommen die Anleitungen zum Paddeln, wozu wir uns auf das in den Sand gezeichnete Board legen. Ich schwitze und verfluche das langärmlige Surf Shirt. Und die Sonnencreme mit Schutzfaktor 50, die den Sand förmlich anzieht. Alles klebt, zwischen den Zähnen knirscht es. Ich komme mir vor wie ein paniertes Schnitzel. Wie ein paniertes Schnitzel mit Jetlag. Wie ein paniertes Schnitzel mit Jetlag und Selbstzweifel. Wie ein paniertes Schnitzel mit Jetlag, Selbstzweifel und einer Midlife Crisis. Midlife Crisis? Ich? Kann das sein?

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Gehört dazu: Aufwärmen bei 35 Grad im Schatten…

Parallel dazu pumpt Thomas Informationen in unsere Köpfe und demonstriert die essentiellen Positionen, um in der Lage zu sein, früher oder später eine Welle surfen zu können. Dann passiert ein kleines Wunder. Mein Kopf wirkt auf einmal wie leer, wie rebootet, wie neuformatiert. Alle unwichtigen Bay- und Geschäftsdaten inklusive der schwammigen Befürchtung einer Midlife Crisis sind schlagartig gelöscht oder auf eine externe Festplatte ausgelagert, um Platz zu machen für die Informationen, die ich brauche, um nach einer Woche zumindest ansatzmässig surfen zu können.

Thomas vergewissert sich ein letztes Mal, ob die wichtigsten Positionen und der Automatismus zum „take off“ sitzen. Wir laufen mit dem Brett unter dem Arm auf die andere Seite der Sandbank zum offenen Meer. Die Wellen sind hoch. Zumindest für eine Bürgerin eines nicht maritimen Landes. Dank dem Reboot kenne ich keine Angst mehr und tue, was mir gesagt wird. Ich manövriere das Brett durch das Wasser, kämpfe mit der Strömung, hechte aufs Board, begebe mich in Stellung, warte auf das Kommando von Thomas und versuche, auf dem Board zu stehen. Immer und immer wieder. Nicht aufgeben. Nach vier Stunden, zahlreichen Bananen-, Sonnencrème- und Trinkpausen bin ich k.o. wie schon lange nicht mehr. Zugleich glücklich, dass ich den ersten Tag überstanden habe und trotz meinen Bedenken nicht sang- und klanglos untergegangen bin. Weder in den Wellen noch im Vergleich zu meiner jugendlichen Mitstreiterin.

Auch Thomas scheint zufrieden und ist überzeugt, dass ich am nächsten Tag stehen werde, was mich anfänglich etwas irritiert, da ich mir das Stehen eigentlich als Ziel für die Woche gesetzt habe. Was wiederum Thomas irritiert, schliesslich sei er ja Surflehrer. Er sollte Recht behalten. Nach den Aufwärm- und Trockenübungen, diesmal an einem Traumstrand etwas ausserhalb von Itacaré, stehe ich beim ersten Versuch auf dem Board. Vor lauter Schreck falle ich sogleich wieder runter. Ich. Auf. Dem. Brett. Das gibt’s ja nicht. Thomas jubelt, ich kann es nicht glauben und kämpfe mich immer und immer wieder aufs Brett, bis auch meine Euphorie nicht mehr gegen die Müdigkeit und die brennenden Muskeln ankommt. Fazit von Tag zwei: mindestens sechs Mal auf dem Brett gestanden und sogar bis zum Strand „gesurft“. Wenn auch nur im Weisswasser, dort wo die Wellen schon gebrochen sind, aber das ist im Moment Nebensache. Ich bin ein froh und stolz zugleich, aber die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten.

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Erfolgserlebnis am zweiten Tag: ich stehe auf dem Board. Wenn auch auf wackligen Füssen

Am dritten Tag geht gar nichts. Oberarm-Muskelkater ohne Ende. Ich schaffe es nicht ein einziges Mal, richtig auf dem Brett zu stehen. Thomas nimmt es gelassen. Wie so vieles – denn ohne Gelassenheit würde er es hier kaum aushalten. Die Konkurrenz vor Ort ist gross. An jeder Ecke weist ein Schild auf „Aulas de Surf“, Surfunterricht, hin. Thomas ist seit drei Jahren hier. „I met a beautiful girl from Itacaré“, pflegt er zu sagen, meist unaufgefordert und gleich zu Beginn neuer Kurse. Vermutlich als Präventionsmassnahme in Bezug auf die vielen Touristinnen, die während ihren Ferien entweder auf einen Surflehrer oder Capoeira-Tänzer spekulieren. Gibt es offenbar.

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Thomas, der Surflehrer und Inhaber von „Outra Onda“

Mit seiner Schule „Outra Onda“ (zu dt. „andere Welle“) ist er soeben ins zweite Jahr gestartet. Wie vielerorts auf der Welt ist es alles andere als einfach ist, als Ausländer ein eigenes Geschäft zu betreiben. Thomas bestätigt, dass er mit vielen Herausforderungen zu kämpfen hat und noch lange nicht dort ist, wo er mit „Outra Onda“ hin will. Dies obwohl er mit einer Einheimischen liiert ist und sie zusammen eine Tochter haben – er bleibt der „Gringo“, der Ausländer, was sein Leben hier nicht vereinfacht. In der Zwischenzeit hat er einen lokalen Surf-Profi mit an Bord geholt. Bibe ist sein Name – mit ihm werde ich es auch noch zu tun bekommen.

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„Outra Onda” – der Surf Shop von Thomas in Itacaré

Itacaré war vor Jahren noch ein kleines, unberührtes Fischerdorf. In der Zwischenzeit hat sich der Tourismus stark entwickelt. Im Umkreis von 20 Kilometern finden sich einige der der schönsten Strände der Welt. Darunter elf Surfbreaks, wovon wir im Laufe der Woche je nach Ebbe/Flut und den generellen Wetterbedingungen ein paar kennenlernen.

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Traumstrände rund um Itacaré

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Der VW Bus T1 – das wohl bekannteste Surf-Mobil – ist in Itacaré an jeder Ecke zu sehen. Dieses Modell gehört Luis, dem wohl bekanntesten VW-Bus-Surf-Freak Brasiliens. https://www.facebook.com/pages/Dona-Xika-Rapaz/127948530631271?fref=ts

So etwa Engenhoca und Itacarézinho. Am vierten und fünften (letzten) Kurstag sitzt das Stehen, als hätte ich nie was anderes gemacht. Ich erkläre die beiden Strände zu meinen liebsten. Leicht euphorisch will ich nicht mehr aus dem Wasser und habe kein Gefühl mehr für die Müdigkeit. Ein Fehler, den ich allerdings erst dann einsehe, als mir das Brett mit voller Wucht gegen den Kopf knallt. Ich sehe Sterne, aber das Luft holen hat Priorität und somit wird der Schmerz mit jeder Welle, die über mir hineinbricht, kleiner. Es bleibt eine Beule. Diese lässt sich im Gegensatz zu meinen Gedanken nicht einfach auf eine externe Festplatte verschieben und ruft mir in Erinnerung, dass im Meer andere Gesetzmässigkeiten gelten als an Land.

Mit Beule, aufgeschürften Knien, Muskelkater, hunderten Fotos und noch mehr bleibenden Eindrücken beende ich meinen Surfkurs und freue mich auf vier Tage Nichtstun. Das wird mir allerdings am zweiten Tag zu viel und ich buche einen Surftag mehr. Ich freue mich, das Gelernte umzusetzen, quasi als Zugabe, relaxed und ohne Druck.

Jetzt kommt Bibe ins Spiel, Thomas‘ Kollege. Wenn ich das gewusst hätte. Ich merke schnell, dass bei ihm ein anderer Wind weht. Weisswasser? Das war bis jetzt. „Heute surfst Du eine grüne Welle.“ Ich schaue ihn fragend an. Blicke aufs Meer und wieder zu ihm. Dort hinaus? Auf die drei Meter hohen Wellen? Beim besten Willen, ohne mich. Bibe lacht, so käme ich nie weiter und stehen bleiben sei nicht seine Stärke. Auch nicht andere stehen bleiben lassen. Abgesehen davon seien das Baby-Wellen. Gut. Da muss ich wohl durch. Wir paddeln raus, draussen auf dem offenen Meer setzen wir uns aufs Board. Entspannen. Es schaukelt mit jeder Welle, rauf und runter, rauf und runter. Ich befürchte, dass ich seekrank werde. Protest funktioniert nicht – sein Englisch wäre nicht ausreichend und mit meinem Portugiesisch bekomme ich höchstens was zu essen und zu trinken.

Dann „here comes your wave, paddle, paddle, paddle…“, ich tue, wie mir befohlen, spüre den Druck, dann den Schub, stehe auf und… surfe. Vor lauter Schreck springe ich nach geschätzten zehn Sekunden ins Wasser und glaube nicht, was soeben geschehen ist: ich habe nun tatsächlich eine Welle – eine grüne – gesurft. Ich tauche auf, paddle nochmals hinaus, allerdings kostet mich das soviel Kraft, dass ich Forfait gebe. Das schönste Forfait aller Zeiten. Selbst Bibe lässt es gelten.

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Sudden Rush – der Surf-Reiseveranstalter aus Zürich, kennt die Surf-Hotspots rund um den Globus

Reiseanbieter:
Surf-Reiseveranstalter: Suddenrush mit Sitz in Zürich und Vertretungen in Österreich und Deutschland ist auf Surf-Reisen spezialisiert. Die beiden Geschäftsleiter Chris Bachmann und Jürg Eggenberger haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und kennen die besten Surfdestinationen rund um den Globus. Preis pro Person für 14 Tage Itacaré inkl. 5 Surfkurs-Tagen à 2.5 Std. ca. 1300 CHF. Buchung und Beratung: www.suddenrush.com

Anreise nach Itacaré: z.B. mit Lufthansa, Swiss oder TAP via europäischem Hub nach São Paulo oder Salvador, weiter mit einer der innerbrasilianischen Fluggesellschaften (z.B. Gol, Azul oder TAM) nach Ilhéus. Richtpreis ca. 1600 CHF inkl. Taxen.

Wer direkt vor Ort Surf-Lektionen buchen oder Equipment ausleihen will, kann sich direkt mit „Outra Onda“ in Verbindung setzen: www.outraonda.com

Wer vor Ort individuell unterwegs ist und an verschiedenen Stränden surfen möchte, kann mit dem lokalen Bus fahren oder das Surf-Taxi von Gláuber buchen: contato@itacareintertour.com.br

Brasilien-Reiseveranstalter: Die Zürcher Brasa Reisen AG gilt als erste Adresse für Reisen nach Brasilien. Die Gründer und Geschäftsführer Barbara Gähwiler und Andy Fricker sind die Schweizer Brasilien-Experten schlechthin. Ihre Leidenschaft für das Land und ihr Netzwerk vor Ort garantieren für exklusive Reiseerlebnisse. www.brasa.ch

Itacaré bietet eine grosse Anzahl an Pousadas (kleine, oft familiär geführte und einfache Pensionen mit Frühstück). Empfehlenswert:

www.pousadatanara.com
www.burundanga.com.br
www.pousadashambhala.com.br
www.pousadaterraboa.com.brwww.pousadavillabella.com.br
www.pousadaviracanoa.com.br

Wer die Annehmlichkeiten eines Luxus-Resorts geniessen möchte, dem sei das Txai Resort, rund 25 Fahrminuten ausserhalb von Itacaré und Mitglied von Relais & Châteaux, empfohlen. Surfkurse werden auch vom Resort angeboten und individuell organisiert. www.txairesorts.com

https://www.relaischateaux.com/de/search-book/hotel-restaurant/txai

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