24 Stunden Kaliningrad

24 Stunden Kaliningrad

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Russische Exklave zwischen Polen und dem Baltikum, militärisches Sperrgebiet bis 1991, in das kein Ausländer einreisen durfte – all das klingt ungewohnt exotisch inmitten von EU-Ländern, in die der verwöhnte Europäer ein- und ausreisen kann, wie und wann immer es ihm beliebt.

Seit der Fussball WM 2018, bei der vier Spiele in Kaliningrad stattfanden, hat das Gebiet den Tourismus wiederentdeckt. Und so bietet es seit Juli 2019 elektronische und kostenlose Visa für interessierte Gäste an. Wir nutzen diese Gelegenheit auf unserem Weg in die Ferien ins Baltikum und besuchen Kaliningrad für 24 Stunden.

Die Ein- und Ausreise in Kaliningrad

Für Ein- und Ausreise sollte man in jedem Fall Zeit einplanen, denn die Grenzkontrollen sind langwierig. Wer mit dem Auto einreist, muss sein Fahrzeug vorübergehend importieren und dafür etliche Formulare mit Angaben bis zur Fahrgestell-Nummer ausfüllen. Dafür ist man dann auf dem Kaliningrader Gebiet mobil und kann neben der Stadt Kaliningrad selbst auch das Hinterland sowie den russischen Teil der Kurischen Nehrung unkompliziert bereisen.

Wir reisen vom Süden aus ein und haben, wie wir später erfahren, Glück bei der Einreise mit zwei Stunden Wartezeit. Auf dem Weg in die Stadt fällt auf, wie eifrig überall gebaut wird, vor allem das Strassennetz scheint gerade generalüberholt zu werden. Für die Erteilung des Visums verlangen die russischen Behörden eine Bestätigung über eine Unterkunft in Kaliningrad für zumindest eine Nacht, wobei die übliche Reservierungsbestätigung eines Buchungsportals ausreichend ist.

Auf einem solchen haben wir ein kleines Bed-and-Breakfast, die Villa Severin gefunden, die wir zuerst ansteuern. Sie liegt im grünen Villenviertel der Stadt, nahe des Teichs Werchni Prud, auf dem man Tretboot fahren kann. Das lassen wir aus Zeitgründen aus, aber der Park hat auch so einiges zu bieten, wie etwa ein am Kopf stehendes Haus, das man auch von innen besichtigen kann und einen kleinen Vergnügungspark für Kinder.

Von der einstigen Hanse- und Universitätsstadt Königsberg, der Hauptstadt Ostpreussens ist nur wenig geblieben, die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört. Plattenbauten dominieren in vielen Teilen das Stadtbild.

Fischerdorf und Immanuel Kant

Einige historisch anmutende Gebäude gibt es im «Fischerdorf» nahe der Pregelinsel. Auch sie sind stilisierte Neubauten, der deutschen Architektur des 17. Jahrhunderts nachempfunden. Früher gab es hier tatsächlich ein Fischerdorf, heute starten vom Ufer aus Bootsfahrten auf der Pregel inklusive Hafenrundfahrt.

Nach einem sehr guten Kaffee in einem der zahlreichen Ufercafés beginnen wir mit einer solchen Bootstour für einen ersten Überblick.

Der Bootskapitän erzählt viel von der Geschichte Kaliningrads und weist darauf hin, welche historisch wichtigen Gebäude früher hier standen. Eines der wenigen, die jetzt noch vom Wasser aus zu sehen sind, ist die ehemalige Börse, in der heute das Kunsthistorische Museum untergebracht ist.

Weiter draußen im Hafen passiert man das Museum der Weltmeere samt einiger imposanter, zum Museum gehöriger Schiffe, wie etwa dem Forschungsschiff „Kosmonaut Viktor Pazaev“, das weltweit einzige Raumkommunikationsschiff.

Nur wenige Schritte vom Fischerdorf entfernt und während der Bootsfahrt schön zu sehen ist die Pregelinsel mit dem Königsberger Dom, dem einstigen Wahrzeichen der Stadt, der originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Er ist das touristische Zentrum der Stadt, hier befindet sich das Grab Immanuel Kants, ein Museum zur Stadtgeschichte und die größte Orgel Russlands. Direkt vor dem Dom werden Tickets für die regelmässig stattfindenden Orgelkonzerte verkauft, wir haben Glück und bekommen drei der sehr günstigen Tickets für das 18.00 Uhr Konzert.

Neben der klassischen, imposanten Orgelwerke spielt der Organist auch Gefälliges, wie die Titelmelodie von Harry Potter und die Orgel ist dabei zu überraschenden Show-Effekten fähig, denn so einiges Unerwartetes bewegt sich plötzlich.

Borschtsch in Kaliningrad

Auf Empfehlung fahren wir am Abend noch auf den Siegesplatz ins Restaurant Borsch & Salo. Es liegt recht unscheinbar am Eingang zu einem Einkaufszentrum, aber die Speisekarte ist grossartig und wir schwelgen in fantastischer Borschtsch, Warenikis, Pieroggen, Kiewer Huhn und Blinis.

Am nächsten Morgen brechen wir auf zum Bernstein-Museum, das im Dohnaturm, einer Festungsanlage aus dem 19. Jahrhundert, untergebracht ist. Dass Kaliningrad viel Inlands-Tourismus hat, merkt man spätestens hier, vor der Kasse gibt es lange Schlangen russischer Touristen. Wie wir wollen sie den größten Bernstein Russlands mit einem Gesamtgewicht von 4,28 Kilogramm sehen – nur in Berlin gibt es einen noch grösseren Bernstein zu bewundern.

Wer sich für Bernstein-Gewinnung und Kunsthandwerk interessiert, ist hier richtig, das Museum gibt einen überaus umfassenden Überblick über die Geschichte der Bernstein-Gewinnung und -Verarbeitung. Nach einem schnellen Mittagessen in der nicht weit vom Museum gelegenen «Rezidentsiya Koroley», einem typisch russischen Gastro-Tempel mit verschiedenen Restaurants von Pizzeria bis Schaschlik-Grill machen wir uns auf den Weg zur Kurischen Nehrung.

46 der knapp 100 Kilometer langen Kurischen Nehrung liegen auf russischem Staatsgebiet. Sowohl die litauische, als auch die russische Hälfte sind Nationalpark, seit dem Jahr 2000 ausserdem Unesco-Weltkulturerbe. Am Eingang zum russischen Nationalpark erhält man eine deutschsprachige Übersichtsbroschüre mit den auf russischer Seite liegenden Attraktionen.

Die Vogelberingungsstation «Fringilla», Nachfolgerin der weltweit ersten, im Jahr 1901 eröffneten Vogelwarte «Rossiten» etwa. Besichtigen kann man die Station nur im Rahmen von Führungen mit Vogelkundlern, wer also nur einen Tag für die gesamte Nehrung reserviert hat, muss das eher auslassen. Spannend ist aber der «Tanzende Wald»: Kiefern, deren Stämme sich knapp über dem Boden zu Wellen und Kreisen verbiegen, ein Naturphänomen, für das es bis jetzt keine eindeutige Erklärung gibt.

Und sehenswert ist in jedem Fall auch die « », von den sich hier befindlichen Aussichtsplattformen hat man einen der schönsten Blicke über die Dünenlandschaft der Nehrung. Die Orientierung im russischen Teil ist nicht ganz leicht, denn die verschiedenen Stationen sind recht unscheinbar beschildert und man muss sich teilweise an den Kilometerangaben im Prospekt orientieren.

Kurz nach der «Ephas Höhe» erreicht man dann auch schon den Grenzübergang nach Litauen. Bei der Ausreise haben wir weniger Glück – insgesamt verbringen wir hier vier Stunden, müssen mehrmals unsere Pässe abgeben und der Wagen wird auch bei der Ausreise mit einem Rollspiegel inspiziert. Ganz scheint man sich hier mit den elektronischen Visa noch nicht angefreundet zu haben.

Dafür versuchen eine ganze Reihe Füchse mit uns Freundschaft zu schliessen, sie liegen einfach in der Sonne am Strassenrand, von Zeit zu Zeit marschieren sie aber auch durch die Autoreihen, wahrscheinlich werden sie hier von den Wartenden des öfteren gut versorgt. Es ist schon Abend, als wir die Grenze dann hinter uns lassen, zu spät für Thomas Mann’ Sommerhaus im litauischen Teil der Kurischen Nehrung. Dafür ein Grund, wieder zu kommen.

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