Bern – Schlafen bei den Bären

Bern – Schlafen bei den Bären

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Das «Zollhaus», Berns zweitkleinstes Hotel an der Nydeggbrücke, ist ideal, um die Bundesstadt zu erkunden.

«Staycation» heisst der neue Trend, von der Corona-Pandemie beflügelt: Man verreist zwar nicht, sondern bleibt in seiner eigenen Umgebung («stay»). Doch man gönnt sich hier ein paar Ferientage («vacation») mit einem Tapetenwechsel.

Mit meiner Freundin Miranda habe ich über die Jahre eine Tradition entwickelt: Wir schenken einander zum Geburtstag gemeinsame Tage, normalerweise auf einer kleinen Reise. Doch reisen ist heutzutage leider schwierig. Und so entschieden wir uns als Heimweh-Bernerinnen für «Staycation» in der Bundesstadt.

Dafür ist Berns zweitkleinstes Hotel, das «Zollhaus» auf der Nydeggbrücke, besonders gut geeignet. (Das kleinste ist die «Casita» in einem ehemaligen Waschhaus im Länggass-Quartier.) Die Nydeggbrücke, die erste Hochbrücke über die Aare in Bern, wurde 1844 als Verbindung der unteren Berner Altstadt mit den Ausfallstrassen Richtung Aargau («Aargauerstalden») und Richtung Berner Oberland («Muristalden») eröffnet. Sie führt von der Nydeggkirche hinüber zum Bärengraben, der 1857 eröffnet und 2009 zum Bärenpark erweitert wurde.

Gastfreundschaft in den Zollhäuschen

Damals musste man noch einen Zoll entrichten, um die Brücke passieren zu dürfen. Dieser wurde zwar schon neun Jahre später abgeschafft. Aber die vier charakteristischen Zollhäuschen, zwei auf jeder Seite der Brücke, blieben stehen. Die beiden Zollstationen auf der stadtfernen Seite der Brücke dienen jetzt der Gastfreundschaft.

Das Häuschen links, um Anbauten und einen kleinen Garten erweitert, beherbergt die «Brasserie Bärengraben». Das einstmals gastronomisch hoch bewertete Lokal verdiente jetzt dringend eine Auffrischung. Verdorrte Blumen in den Kistchen vor den Fenstern und die seit Jahren verblassenden Schilder von Gault&Millau und Michelin an der Eingangstüre illustrieren den momentanen Zustand.

Das Häuschen rechts hingegen ist vor kurzem zum Kleinsthotel «Zollhaus» umgebaut worden. Es besteht aus einer einzigen, allerdings stolze 70 Quadratmeter grossen, zweistöckigen Suite und einer kleinen Terrasse direkt über dem Bärenpark. Dort kann man an schönen Tagen gemütlich frühstücken, wenn einen die neugierigen Blicke der Touristen nicht stören. (Das Frühstück, geliefert vom Restaurant «Altes Tramdepot» hinter dem Bärengraben, ist im Preis inbegriffen.) Und wenn man Glück hat, kann man die Bären beobachten, die sich an Karotten und anderem Gemüse gütlich tun.

Einchecken war übrigens ganz einfach: Wir hatten im Internet gebucht, präsentierten uns bei der Ankunft im «Alten Tramdepot» – das übrigens eigenes Bier braut und Berns schönsten Biergarten besitzt – und erhielten die Schlüssel. Was wichtig ist: Die Eingangstür direkt am Trottoir der Nydeggbrücke muss immer abgeschlossen werden, wenn man nicht riskieren will, dass plötzlich wildfremde Neugierige im Wohnzimmer stehen.

Gediegen – mit kleinen Abstrichen

Das «Zollhaus» ist gediegen eingerichtet mit einem gemütlichen Salon, in welchem ein metallbeschlagener Überseekoffer als Beistelltisch dient und einem ein beinahe internationales Feeling gibt. Das Doppelbett ist bequem; auch das Sofa könnte zum Zweierbett umgebaut werden, so dass maximal vier Personen Platz finden. Unter der kleinen Kuppel hängt ein verspielter Leuchter.

Es gibt ein stylisches Bad mit Duschgel und Shampoo aus der Berner Seifenmanufaktur «blubb». Auch die Bücher im Bücherregal – Reiseführer, Krimis, Geschichten, zum Teil im Dialekt geschrieben – befassen sich mit Bern.

Und sogar die Kaffeemaschine in der gemütlichen Küche stammt vom lokalen Anbieter «Adrianos», der weiter oben in der Altstadt, beim Zytglogge und auf dem Kornhausplatz, zwei angesagte Cafés und einen Laden für Kaffeemaschinen und anderes Zubehör betreibt.

Bei allem Lob muss ich auch ein paar Kritikpunkte anführen: Aus dem Bett sieht man via dem kleinen TV-Zimmer durch eine Glaswand und die verglaste Dusche hindurch zum WC. Was zwar stylisch aussieht, aber mit dem Designer-Credo «form follows function» nichts zu tun hat.

Und ein paar Kleinigkeiten stören ebenfalls, wenn man bedenkt, dass die Nacht im «Zollhaus» mit mindestens 400 Franken zu Buche schlägt: Das Mobiliar auf der kleinen Terrasse ist nicht mehr ganz in Form und der Abwaschlappen in der kleinen Küche löchriger als ein Emmentaler Käse.

Unbezahlbare Aussicht

Die Aussicht von unserem Refugium ist dafür unbezahlbar: die malerische Kulisse der Altstadt mit dem mächtigen, gotischen Turm des Münsters, die im Unesco-Verzeichnis des Weltkulturerbes steht; der Bärenpark, wie gesagt; die Aare, die breit, träge und grün weit unten durchfliesst; und das Matte-Quartier entlang dem Fluss.

Dieses Quartier, quasi Berns Unterstadt, besuchen wir als erstes. Heute leben und wirken hier viele Kunsthandwerker, Kreative, Werber, Grafikerinnen, Kommunikationsagenturen usw. Früher wurde es von den einfachen Leuten bewohnt, von Schiffern und Flössern, Gerbern, Schreinern, Badern, Taglöhnern, während die Bürger von oben, von der fürnehmen Junkerngasse, verächtlich herabschauten.

Ein Gang durch das malerische Quartier versetzt einen in eine frühere Zeit. Es lohnt sich auch, in einem der sympathischsten Berner Quartierlokale einzukehren, im «Mühlirad» unmittelbar unter der Nydeggbrücke. Hier wird (wenn die Massnahmen gegen die Pandemie es zulassen) in einem urtümlichen Ambiente oder, bei schönem Wetter, auf einem kleinen, gepflasterten Platz hochwertige Küche zu vernünftigen Preisen geboten.

Wenn man das Mattequartier durchquert hat, kann man mit dem sogenannten Senkeltram in einer halben Minute hinauf auf die Münsterplattform fahren. Das «Tram» ist in Wirklichkeit ein 125 Jahre alter, angeblich von Gustav Eiffel konstruierter Lift und heisst deshalb offiziell «Mattelift». Man wird, was es sonst in der Schweiz nicht mehr gibt, von einem «Liftboy» begleitet, meist einem älteren Herrn und seit zwei Jahren erstmals auch von einer Frau.

Die schönste Altstadt der Welt

Jeweils am ersten Samstag im Monat findet der Handwerkermarkt auf der Münsterplattform statt – ein Muss für alle Märit-Liebhaber. Von der Plattform aus hat man an schönen Tagen eine gewaltige Aussicht auf den Berner Hausberg, den Gurten, und auf die Berner Alpen. Wer noch mehr Sicht möchte, steigt die 344 Stufen der steilen Turmtreppe hoch und sieht dann, aus 60 Metern Höhe, über die halbe Schweiz. Das 600 Jahre alte Münster selber, eine der grössten gotischen Kirchen der Schweiz, müssen wir unbedingt besuchen. Alle Sehenswürdigkeiten in diesem kühlen, weit oben in Spitzbögen zulaufenden Raum aufzuzählen, würde diesen Blog-Beitrag sprengen. Deshalb nur so viel: Wer nachdenken, zur Ruhe kommen, entschleunigen will, ist in diesem erhabenen Raum genau richtig.

Die Altstadt dahinter gehört für mich zu den schönsten weit und breit. Doch sie ist nicht nur schön, sie ist auch ausgesprochen praktisch: Sechs Kilometer Laubengänge schützen einen an Regentagen genauso wie an Sonnentagen. Im oberen Teil der Altstadt, an der Spital- und der Marktgasse, dominieren die Geschäfte der grossen nationalen und internationalen Anbieter.

Weiter unten jedoch, in der Kram- und der Gerechtigkeitsgasse, der Zeughaus-, Rathaus- und Postgasse, finden sich viele kleine Boutiquen, Buchhandlungen, Kellertheater, Bier- und Weinlokale und sogar noch einige Konditoreien, Metzgereien und Käseläden. Trotz Corona und trotz Online-Handel hat die untere Altstadt bisher überlebt. Ich hoffe sehr, dass dies so bleibt.

Ein mittelalterliches Wunderwerk

Mitten in der Altstadt steht Berns prominentestes Bauwerk nach dem Bundeshaus und dem Münster: der Zytglogge, auch schon bald 500 Jahre alt. Der Zeitglockenturm besitzt ein einmaliges Stück spätmittelalterlicher Uhrmacherkunst: eine äusserst komplexe Uhr mit astronomischem Kalender und einem mechanischen Spielwerk.

Zur vollen Stunde erklingen dumpfe Glockenschläge, Bären drehen ihre Runden, ein Hahn tritt auf, ein Harlekin. Viele Berner gehen achtlos an dem Wunderwerk vorbei; Touristen hingegen sind begeistert und finden sich in Scharen für das Spektakel ein, so dass der Bus Nummer 12 Richtung Zentrum Paul Klee kaum mehr durchkommt. So war es zumindest vor der Pandemie-Krise – hoffen wir, dass es sich auf einem angenehmen Niveau neu einpendeln wird.  

Was soll man sonst noch tun in der Berner Altstadt? Ein Kaffee im Lokal im Erdgeschoss des ehemaligen Wohnhauses von Albert Einstein an der Kramgasse 49 lohnt sich – ein Gelato in der «La Golosa» an der Gerechtigkeitsgasse 24 ebenso. Kreative Küche gibt es etwa im Restaurant «Moment» an der Postgasse 49, die besten Moules isst man im «Café Postgasse», spanische Spezialitäten im traditionellen «Café du Commerce» an der Gerechtigkeitsgasse 74, traditionelle Schweizer Kulinarik in der «Harmonie» an der Hotelgasse 3 / Ecke Münstergasse. Sofern die Restaurants dann mal alle wieder offen sind.

Am Schluss des Abends gönnen wir uns einen Schlummertrunk am Kornhausplatz. Bei schönem Wetter auf dem Terrässchen des «Café des Pyrénées», dem Stammlokal des verstorbenen Mundartrockers Polo Hofer, von Einheimischen «Pyri» genannt.

Bei schlechtem Wetter sollte man, unbedingt den Abstieg in den gegenüberliegenden «Kornhauskeller» wagen. Das üppig dekorierte Kellergewölbe vom Ende des 19. Jahrhunderts ist spektakulär. Und was in die Gläser und auf die Teller kommt, ist auch nicht ohne. Die Berner, die allem einen Spitznamen geben, nennen den Keller «Chübu», was Hochdeutsch «Kübel» meint.

Zurück zu unserem «Zollhaus» sind es nur wenige Schritte die Altstadtgassen hinab und über die Nydeggbrücke. In der Zwischenzeit ist auch beim Bärenpark Ruhe eingekehrt und wir lassen den Tag auf der Terrasse – jetzt ohne neugierige Blicke – ausklingen. Die eigene Stadt aus der Touristenperspektive zu erleben lohnt sich allemal. Auch wenn – mangels Budget – nur für 24 Stunden.

Für Bern-Fans bietet die Stadt seit dem 19. April wieder verschiedene Führungen an: https://www.bern.com/de/sehen-erleben/stadtfuehrungen

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4 responses to Bern – Schlafen bei den Bären

  • Artur K sagt:

    Als Berner Mit Migrationshintergrund (ich stamme aus Luzern) finde ich diesen Beitrag sehr schön und informativ. Man merkt, dass die Bloggerin eine enge Beziehung zur Stadt hat. Merci!

    • Tomi Biedermann sagt:

      Lustig, genau gestern habe ich die hier beschriebene Stadtbesichtigung gemacht und erkenne nun im Artikel so einige Sachen wieder. Das kleine Hotel hatte ich ebenfalls interessiert begutachtet. Sehr schön und „amächelig“ geschrieben!

  • Vanessa B. sagt:

    Danke, lieber Artur K., für den geschätzten Kommentar.

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