Quang-Hi, Nguyen und das heutige Vietnam

Quang-Hi, Nguyen und das heutige Vietnam

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Bei einem Cocktail an Deck der Dragon Eye II – „meinem“ Flussschiff auf dem Mekong – setzen Quang-Hi und ich unser Gespräch über seine Heimat Vietnam fort. Das Land erlebt im Moment einen starken wirtschaftlichen Aufschwung – vergleichbar mit demjenigen Thailands vor rund 30 Jahren.

Das heutige, pragmatische politische System ist zwar nach wie vor kommunistisch aber – ähnlich wie in China – in wirtschaftlicher Hinsicht sehr liberal. Besitz ist zum Beispiel kein Tabu mehr. Die einzigen sichtbaren Zeichen des Regimes sind ein paar Fahnen mit Hammer und Sichel, riesige Portraits und Statuen von Ho Chi Minh. Auch die Polizeipräsenz ist erstaunlich gering.

Das soziale Ungleichgewicht wird durch die wirtschaftliche Öffnung hingegen immer grösser. Ein paar Privilegierten, die von der Liberalisierung profitieren, steht eine grosse Mehrheit der Bevölkerung gegenüber, die täglich um ihr Reis kämpfen muss. Vietnams Wirtschaft ist nach wie vor überwiegend landwirtschaftlich ausgerichtet. Wir haben es mit einem der grössten Kaffee- und Reisproduzenten der Welt zu tun. Mit dem rasanten Fortschritt kommen Themen aufs Tapet, die viele Länder in einer solchen Phase des schnellen Fortschritts einholen. Ich denke beispielsweise an Landflucht, Umweltaspekte oder an die Ausweitung der persönlichen Freiheiten der einzelnen Bürger.

Auf den Strassen von Saigon ist einiges losAuf den Strassen von Saigon ist einiges los

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Beziehung zum grossen Bruder China sehr belastet. Die Chinesen beanspruchen unter anderem die Halong Bay für sich. Dies sorgt für viel Zündstoff und hatte jüngst auch militärische Grenzkonflikte zur Folge. Aber auch bei der Frau und beim Mann auf der Strasse ist das Misstrauen gegenüber China sehr gross. Beispiel gefällig? Quang-Hi erzählt mir, dass die Reisfelder nach dem Krieg einer Rattenplage ausgesetzt waren, so dass sie jahrelang nicht bestellt werden konnten.

China half und sandte tonnenweise Rattengift nach Vietnam, welches erfolgreich eingesetzt wurde. Eine der Lieferungen soll jedoch statt Gift eine Art Viagra für Ratten enthalten haben, damit sich die Nager weitervermehren und so die vietnamesische Reisproduktion schwächen können. Ob wahr oder nicht: Besser kann man das Unbehagen gegenüber China nicht dokumentieren.

Die aktuelle Problematik der (zu) schnellen und unkontrollierten Entwicklung lässt sich an der Situation zweier junger Menschen darstellen. Bei Quang-Hi, der eigentlich als Reiseführer auf dem Mekong einen tollen und interessanten Job hat, lockt der Wegzug in die grosse Stadt (in seinem Fall Saigon, resp. Ho Chi Minh City). Schon heute zeugen viele verlassene, zerfallende Häuser am Flussufer vom Wegzug der Landbevölkerung in die verheissungsvolle Grossstadt.

Saigon bietet viele UnterhaltungmöglichkeitenDie moderne Grossstadt wirkt anziehend für die jungen Vietnamesen

Seinen Umzugswunsch begründet Quang-Hi nicht etwa mit Karriereargument, vielmehr seien es die zahlreichen Unterhaltungsmöglichkeiten und die Abwechslung, die ihn nach Saigon ziehen. Ich versuche, ihm meine Sicht der Dinge darzulegen. Auf all meinen Reisen sei mir aufgefallen, dass die wenigsten Neuzuzüger in grossen Städten (beispielsweise in Bangkok, Kapstadt, Rio oder Mexico City) ihr Glück wirklich gefunden hätten. Im Gegenteil: Die meisten leben heute in schlechteren Verhältnissen in Bidonvilles am Stadtrand, statt auf dem Land in einfacher aber gesunder Umgebung.

Quang-Hi zieht es in die GrossstadtQuang-Hi zieht es in die Grossstadt

Natürlich verstehe den Wunsch von Quang-Hi, als junger Mensch die Faszination einer Grossstadt zu erleben. Deshalb schlage ich ihm vor, seinem Arbeitgeber zu bitten, einen 6- oder 12-monatigen Einsatz am Firmensitz in Saigon zu organisieren. So könne er selber feststellen, ob er wirklich für das Stadtleben geschaffen sei ohne alles aufzugeben, was ihm bis heute lieb und teuer war. Er scheint von der Idee angetan zu sein und ich habe die Hoffnung, wenigstens einen überstürzten Wegzug verhindert zu haben.

Wie viele junge Menschen ist auch Nguyen aus einem Bergdorf nach Ho Chi Minh City gezogen. Kennengelernt habe ich sie in eine der unzähligen Bars im Zentrum. Da Prostitution in Vietnam zumindest offiziell verboten ist, sind die Bars im Gegensatz zu Bangkok oder Phuket angenehm unaufgeregt. Zwar wird man auch hier als Fremder sofort mit dem Ziel angegangen, einen Drink spendiert zu erhalten. Aber eben, das Ganze ist friedlich und angenehm.

Nguyen fällt mir auf, weil sie eher scheu, zurückhaltend, wortkarg und ernst ist. Sie fühlt sich sichtlich nicht wirklich wohl in ihrer Rolle, eingezwängt in einem massgeschneiderten, körperbetonten kleinen Etwas und in Highheels. Nach zwei Drinks schlage ich ihr vor, uns zum Lunch in ihrem Lieblingsrestaurant zu treffen. Sie macht sofort klar, dass sie nicht „so eine“ sei. Ich beruhige sie und versuche klar zu machen, dass sie mir sympathisch sei, es wirklich um einen Lunch gehe. Als ich sie am nächsten Tag wieder treffe, ist die 24-Jährige in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen kaum wiederzuerkennen. Wir fahren zu ihrem Lieblingsrestaurant – chinesische Küche. Hier habe ich das zweifelhafte Vergnügen, ihre Lieblingsspeise zu geniessen – Hühnerfüsse… Sie sind frittiert, haben dank einer süss-sauren Honig/Tamarind-Ummantelung einen vorzüglichen Geschmack. Ansonsten sind sie beim Verzehr so, wie man es sich vorstellt – knorpelig…

Nguyen stammt aus einem BergdorfAus einem Bergdorf nach Saigon „geflüchtet“: Nguyen

Das Gespräch kommt in Fahrt, Nguyen legt langsam ihre Zurückhaltung ab. Sie habe eine tolle Mutter und einen schlechten Vater gehabt und sei vor zwei Jahren regelrecht aus ihrem Dorf abgehauen. Vor drei Monaten habe sie ihr Englisch-Studium abgeschlossen und wolle jetzt einen Kurs in Kommunikation belegen. Um diese Vorhaben zu finanzieren habe sie den Job in der Bar angenommen. Tagsüber zu lernen und die Uni zu besuchen, dann sechs Nächte pro Woche in der Bar jobben sei sehr anstrengend. Aber es gehe nicht anders, sie könne sonst ihre Ziele und das Leben in Ho Chi Minh City nicht finanzieren.

Trotz ihren Anstrengungen macht sie sich keine grossen Illusionen, wenn es um einen guten Job nach dem Studium geht. Ihre Uni sei zu wenig renommiert, ihr Netzwerk zu klein und zudem habe sie die Mittel nicht, um die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zu schmieren… stattdessen hofft sie auf einen Glückstreffer. Fatalismus ist eindeutig eine asiatische Eigenschaft. Nach dem Essen entschuldigt sie sich, sie brauche noch ein paar Stunden Schlaf vor dem abendlichen Einsatz in der Bar. Ich verspreche ihr, nochmals dort vorbei zu schauen und verlasse nachdenklich das Restaurant. Ob es Nguyen gelingen wird, noch lange den Verlockungen des schnellen Geldes in der Bar zu wiederstehen? Ich wünsche es ihr von ganzem Herzen!

Die aktuelle Situation der zwei jungen Vietnamesen ist typisch für Vietnam und Länder mit einem grossen Anteil an jungen Einwohnern, die auf dem Zug der grossen Hoffnung nach einem besseren Leben aufspringen wollen. Viel Glück und Erfolg Nguyen und Quang Hi!

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