An der Ostsee bei Sturm und Regen – ein Naturerlebnis

An der Ostsee bei Sturm und Regen – ein Naturerlebnis

Die Touristen kommen vor allem im Juli und August. Dann findet sich kaum ein freier Tisch im Restaurant und die Strände sind übersät mit Strandkörben. Wir aber sind Anfang Februar da, ausgerechnet! Im Winter kann das Wetter an der Ostseeküste im nordöstlichen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, auch Meckpomm oder kurz MV genannt, richtig garstig sein. Und bei unserer einwöchigen Reise ist es garstig. Immerhin haben wir den Orkan mit dem harmlosen Namen «Nadia» verpasst, der Tage zuvor für Turbulenzen gesorgt hatte.

Die stürmische und faszinierende Ostsee in Ahrenshoop

Einsame Strände

Etwas Gutes haben Regen und Sturm: Man hat die Strände für sich. Zum Beispiel den Sandstrand in Kühlungsborn, dem grössten Seebadeort in Meckpomm, 30 km westlich der Hafenstadt Rostock. 28 Strandzugänge sind durch die Dünen angelegt worden. (Die Dünen dürfen ansonsten nicht betreten werden; sie spielen bei der Sicherung des Strandes gegen Naturgewalten und als Biotop für Pflanzen und Tiere eine wichtige Rolle.) Einzelne Abschnitte sind während der Saison für Hündeler, andere für Blüttler ausgewiesen, doch an einem Februartag findet sich hier kaum eine Menschen- bzw. Hundeseele. Auf beiden Seiten verliert sich der Strand am Horizont; ein Gefühl der Unendlichkeit stellt sich ein.

Ein historisches Gebäude im Stil der Bäderarchitektur aus dem 19. Jahrhundert in Kühlungsborn

Auch der Strand von Warnemünde, das zur Gemeinde Rostock gehört, ist fast menschenleer, ebenso wie die malerische Alexandrinenstrasse mit ihren kleinen Fischerhäuschen – viele von ihnen zu Pensionen und Ferienwohnungen umfunktioniert. In Warnemünde bekommen wir die Winterflaute beim Hotel Neptun direkt zu spüren, einem neunzehnstöckigen Klotz aus Zeiten der verflossenen DDR: Tobias Woitendorf, Geschäftsführer des Tourismusverbandes MV, hat uns die Sky Bar des Neptun wegen der Aussicht empfohlen. Doch leider ist die Bar wegen Renovation geschlossen, um im Sommer in neuem Glanz zu erstrahlen.

Vom Winde verweht in Warnemünde

Exzellent speisen in Rostock

Ein weiteres Highlight erwartet uns zurück in Rostock in Form eines exzellenten Fisch-Mahls im Restaurant Borwin. Am Vorabend haben wir schon im Blauen Esel mitten in Rostocks malerischer Altstadt gespeist. Das denkmalgeschützte Restaurant ist wegen seiner modernen Küche einen Besuch wert, aber auch wegen seiner klassizistischen Fassade und den mehr als 400 Jahre alten Deckenbalken und Deckenmalereien.

Eine Kaffeepause im Klostercafé im ehemaligen Frauenkloster hinter der Universität bietet während der Stadtbesichtigung im Regen und Wind eine willkommene Gelegenheit, sich an einer heissen Schokolade oder einem Glühwein zu wärmen. Das Café wird vom Roten Kreuz betrieben und stellt Menschen mit Behinderungen Arbeitsplätze zur Verfügung. Es ist klein, warm, gemütlich und liebevoll dekoriert.  

Wasserbüffel für Merkel

Fischland-Darß-Zingst ist eine langgezogene, schmale Halbinsel zwischen Rostock und Stralsund, eingefasst vom Meer auf der einen und den Bodden, wie hier die Lagunen heissen, auf der anderen Seite. Beim Vorbeifahren wähnen wir uns angesichts einer Herde von Wasserbüffeln kurz nach Thailand oder Sri Lanka versetzt. Aber es ist keine Fata Morgana: Auf dem riesigen Landwirtschafsgut Darß, welches 4000 Hektar oder 40 Quadratkilometer umfasst – mehr als der Kanton Basel-Stadt – werden diese schwarzen, sanftmütigen Tiere mit den riesigen Hörnern gehalten, wie uns Thomas Möhring erklärt.

Möhring ist für alle Tiere auf dem Gut verantwortlich, auch Schafe, Pferde und 4000 Kühe und Kälber. Zum Gut gehören ein Restaurant und ein Hofladen, wo sich wenige Tage vor unserem Besuch die Alt-Kanzlerin Angela Merkel mit Wasserbüffelfleisch eindeckte, wie Möhring erzählt. Ab dem Frühling wandelt sich Gut Darß in einen Erlebnisbauernhof mit Stallbesichtigungen, Minigolf, Kletterpark und Kinderspielplatz. Für Familien, die mehrere Tage bleiben wollen, stehen Ferienhäuschen zur Verfügung.

Auch das nässeste Abenteuer der ganzen Reise findet auf der Halbinsel statt: Lilia Reisig, Umweltwissenschaftlerin und Rangerin, führt uns durch den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Es nieselt, es strätzt, es schüttet, und am Strand peitscht der Wind, während uns Lilia Handy-Fotos von spektakulären Sonnenuntergängen an ebendieser Stelle zeigt.

Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft war trotz des harschen Wetters einen Abstecher wert

Durchfroren steigen wir schliesslich wieder in den Mietwagen und sind uns einig: Die Bedingungen waren harsch, aber das Naturerlebnis wäre wohl bei Sonnenschein nur halb so eindrücklich gewesen. Fest steht: Wir kommen wieder – im Frühling oder Herbst, der besten Reisezeit für Meckpomm!

Die vielfältige Pflanzenwelt kann sich im grössten Nationalpark an Deutschlands Ostseeküste nach ihren eigenen Regeln entwickeln, ganz nach dem Motto „Natur Natur sein lassen“

Badeort für Künstler

Eine Entdeckung ist auch Ahrenshoop, ebenfalls auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gelegen und heute ein schicker Seebadeort mit Immobilienpreisen, welche sich viele Einheimische nicht mehr leisten können. Zwischen dem Dasein als winziges Fischerdorf und jenem als Edel-Badeort war Ahrenshoop eine Künstlerkolonie, frequentiert von Landschaftsmalerinnen und -malern, etwa Paul Müller-Kaempff (1861-1941), der hier 1892 ein Künstlerhaus mit Pension baute und später eine Malschule eröffnete.

Typische Reetdach-Häuser in Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst

Im Kunstmuseum kann man viele Werke von Müller-Kaempff und anderen Künstlern aus Ahrenshoop bestaunen. Jene der Malerin Elisabeth von Eicken (1862–1940) stechen besonders hervor. Auch die Architektur des Museums ist interessant: Das moderne Ensemble, dessen Aussenhaut aus einer gerippten Metallhülle besteht, ist die moderne Interpretation eines typischen Fischerdorfs.

Das Kunstmuseum in Ahrenshoop bietet Einblick in Werke der Gründergeneration der Künstlerkolonie

Ein halber Tag Sonne

Ein einziger sonniger Halbtag ist uns am Ende der Reise beschert, in der Stadt Stralsund. Wir nächtigen im Romantikhotel Scheelehof. Das 4*-Hotel samt vorzüglichem Restaurant in der beeindruckenden Kaufmannsdiele und einer gemütlichen Kellerkneipe im Gewölbekeller steht am Rand der Altstadt, nahe des Hafens, in einem Ensemble typischer norddeutscher Gebäude mit markanten Giebeln, deren Ursprünge ins 14. Jahrhundert zurückreichen.

Das Hotel Scheelehof in Stralsund mit seiner typisch norddeutschen Architektur aus dem 14. Jahrhundert

Zusammen mit Wismar, etwa 150 km westlich, ist die Stadt mit ihren rund 60’000 Einwohnern vor 20 Jahren als «Historische Altstädte Stralsund und Wismar» ins Unesco-Verzeichnis des Welterbes aufgenommen worden.

Die Hansestadt Stralsund punktet nicht nur mit einem wunderschönen Hafen, den Backsteinfassaden, den schmucken Cafés und dem bekannten Strandbad im Herzen der Stadt

Stralsunds Tourismusdirektor André Kretzschmar spielt persönlich den Stadtführer, zeigt uns das gotische Rathaus und die mächtige Nikolaikirche am Alten Markt, die übrige Altstadt und den Hafen. Wir können sogar das Deutsche Meeresmuseum im gotischen ehemaligen Katharinenkloster besuchen, obwohl dieses gerade um- und neugebaut wird und erst 2024 wiedereröffnet werden soll.

Das imposante Stralsunder Rathaus im gotischen Stil (links) und die Marienkirche (rechts). Letztere galt bis zu einem Blitzeinschlag im Turm im Jahr 1647 mit 151 Metern als das höchste Gebäude der Welt

Ebenfalls zum Meeresmuseum gehört das moderne Ozeaneum unten am Hafen, Museum und Forschungsanstalt zugleich. Es beschäftigt sich mit nördlichen Meeren und ihrer Flora und Fauna; auf dem Rundweg kommt man an Walskeletten, an zahllosen Aquarien, an nachgestellten Szenen mit Meeressäugern, Vögeln und Fischen vorbei. Für seine eindrückliche Ausstellung wurde das Ozeaneum 2010 als Europäisches Museum des Jahres ausgezeichnet.

Das preisgekrönte Ozeaneum Stralsund – beeindruckend, einmalig und gleichermassen für Kinder und Erwachsene interessant

In Wismar geistern dieses Jahr die Untoten durch die mittelalterliche Altstadt. Vor hundert Jahren drehte Friedrich Murnau hier den ersten Horrorfilm der Kinogeschichte, «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens». Mit Strassentheatern und Freilicht-Aufführungen des expressionistischen Filmklassikers soll im Sommer dieses Jubiläum gefeiert werden. Dafür sind wir zu früh, aber immerhin können wir in einer Werkstatt die Vampirmasken besichtigen, mit denen Erwachsene amüsiert und Kinder erschreckt werden sollen.

Die Vampirmaske: Eine Hommage zum 100. Geburtstag des weltberühmten Horror-Stummfilms «Nosferatu»

Immer mehr Schweizer Touristen

96 Prozent der Touristen in Mecklenburg-Vorpommern sind Deutsche, wie Tobias Woitendorf sagt. An zweiter Stelle kommen die Holländer. Diese Position, so meint der Geschäftsführer des Tourismusverbands MV, könnten schon bald Touristinnen und Touristen aus der Schweiz einnehmen. Zwar liegt MV nicht vor der Haustür: Von der Bundesstadt Bern nach der Landeshauptstadt Schwerin sind es gut 1000 Kilometer. Aber es gibt gute Verbindungen: Hamburg und Berlin mit ihren internationalen Flughäfen sind nicht weit. Mit dem Nachtzug von Zürich bzw. Basel nach Berlin oder Hamburg reist man entspannt und kommt am Morgen erholt an.

Im Sommer wird es zudem wieder Direktflüge ab Bern und eventuell auch ab Zürich nach Heringsdorf auf der Insel Usedom geben. Und an Sommerwochenenden verkehrt auch der Nachtzug namens «Urlaubsexpress» von Basel nach Binz auf der Insel Rügen. Er legt unter anderem in Hamburg, Schwerin, Rostock und Stralsund Zwischenhalte ein.

Fazit: Mecklenburg-Vorpommern ist ein Erlebnis, auch bei Sturm und Nässe, und gehört definitiv auf die Reise-Wunschliste. Am besten zu allen Jahreszeiten einmal.

Der Aufenthalt fand im Rahmen einer Einladung vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern statt.

Zum Autor

Artur K. Vogel ist ein Schweizer Journalist und Buchautor. Er arbeitete unter anderem 20 Jahre für den «Tages-Anzeiger» und war von 2007 bis 2014 Chefredaktor der Berner Tageszeitung «Der Bund». Weitere Stationen seiner Karriere waren das Nachrichtenmagazin «Facts», die «Weltwoche», die «Aargauer Zeitung» sowie Schweizer Radio DRS.

 

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