Nantucket: Schicke Atlantik-Insel mit wilder Vergangenheit

Nantucket: Schicke Atlantik-Insel mit wilder Vergangenheit

Heute sind Nantucket und die etwas grössere Nachbarinsel Martha’s Vineyard Tummelplatz der Reichen und Schönen. Früher ging es hier deutlich rauer zu und her: Nantucket war das Walfangzentrum der Welt und lieferte die Inspiration für den Literaturklassiker Moby Dick.

Der Town Square von Nantucket sieht noch genau so aus wie anno dazumals. Minus der Autos.

Nantucket und Martha’s Vineyard… das sagt den meisten USA-Reisenden aus unseren Gefilden erstmal gar nichts. Bei den Amerikanern hingegen stehen die beiden Atlantik-Inselchen an der Ostküste als Feriendestinaton und Weekend-Getaway hoch im Kurs. Vor allem bei jenen, die es sich leisten können. Denn die beiden Eilande im Bundesstaat Massachusetts sind zwei teure Pflaster, mit schicken Villen, renommierten Restaurants und Feriendomizilen von Hollywoodstars und den Obamas. Mich hat aber was anderes dahingezogen: die abenteuerliche maritime Vergangenheit.

Restaurant-Tipp für Nantucket: Das Beets ist bezahlbar und lecker

Inspiration und Schauplatz von Moby Dick

Dass zumindest Nantucket auch über die US-Grenzen hinweg nicht gänzlich unbekannt ist, ist dem Schriftsteller Herman Melville zu verdanken. Moby Dick ist nicht nur hier angesiedelt, sondern wurde auch von den Ereignissen um ein Walfangschiff aus Nantucket inspiriert.

Die Geschichte der Essex inspirierte den Klassiker Moby Dick von Herman Melville

Die Essex wurde 1820 von einem Pottwal angegriffen und erlitt schliesslich Schiffbruch – die Besatzung vermochte sich grösstenteils zu retten, schaffte es aber erst nach einer langen Odyssee inklusive kannibalischer Ereignisse zurück nach Hause.

Der Hafen von Nantucket war einst das Zentrum des Walfangs

Auf Netflix ist dazu übrigens der Film «In the Heart of the Sea» zu sehen. Und im Whaling Museum auf Nantucket ist den Geschehnissen um die Essex ein eigener Raum gewidmet – womit wir auch schon bei der Hauptattraktion und für mich dem Highlight meines Inselbesuchs sind: dem Walfangmuseum. Und zwar nicht, weil ich das Abschlachten der Meeresriesen in irgendeiner Weise befürworten würde. Sondern weil ich die verruchte und furchtlose Art und Weise, wie die Menschheit im 18. Jahrhundert ohne irgendwelche Technologie und ausgefeilten Waffen in ihren Holzboten in den garstigen Ozean loszog, teils jahrelang um die noch grösstenteils unbekannte Weltmeere schipperte, und Jagd auf riesige Tiere machte, faszinierend finde.   

Fabelhaftes Whaling Museum

Untergebracht in einer ehemaligen Kerzenfabrik – auch sie ein Teil der gewinnbringenden Walfangindustrie – steht das Museum einen Katzensprung vom Hafen.

Ankunft in Nantucket. Wie man sehen kann, ein beliebter Ausflugsort für Amerikaner

Ein Rundgang dauert locker zwei Stunden. Und die Zeit sollte man sich auch nehmen, denn die spannendsten Artefakte und Geschichten entdeckt man oft erst beim genauen Hinsehen.

Der Eingang des Museums

Zu erfahren gibt es so Einiges von den Ursprüngen (ein Wal, der sich in den Hafen verirrte und den man aus reinem Opportunismus erlegte) über den Höhepunkt mit um die 200 Walfangschiffe, bis zum Niedergang der hiesigen Walfangindustrie (irgendwann hatte man die Population total überfischt, dann war da noch ein Grossbrand, der halb Nantucket zerstörte. Im Laufe der Zeit wurden nebst dem wertvollen Walöl andere Energiequellen gefunden, und nicht wenige Seefahrer schwenkten auf das lukrative Goldgräbergeschäft in Kalifornien um).

Im Museum gibt es Speere und Harpunen zu sehen, Alltagsgegenstände von den Schiffen, von den Matrosen in ihrer Langeweile mit filigranen Schnitzereien verziertes Walbein (ja, es hat Zeichnungen von Brüsten), Gemälde und Erzählungen besonders berüchtigter Kapitäne und und und.

Es gibt viel Spannendes zu entdecken im Whaling Museum

Verstaubt wirkt nichts davon, und dass das Whaling Museum mit der Zeit geht lässt sich daran erkennen, dass auch die Geschichte der Frauen auf Nantucket (welche in der langen Abwesenheit der Männer mehr oder weniger das Inselgeschehen orchestrierten) und nicht-weisser Crew-Mitglieder vielfältig beleuchtet wird.

Das Museum ist ein Must-See auf Nantucket

Stinkende Schiffe auf See, luxuriöse Villen an Land

«Es heisst, ein heimkehrendes Walfangschiff roch man aus 12 Meilen Distanz» weiss Isaiah, Tour Guide des Museums, am Hafen zu berichten. Und meint damit das Gemisch aus Schweiss, Tonnen voller Wal-Blubber, und all den tierischen Überresten, die man zum Anfeuern der Kessel auf den Schiffen benutzt hatte.

Im Innern des Gebäudes

Auf dem einstündigen Stadtrundgang begegnet man Pflasterstein-Kreuzungen und historischen Gebäuden, die geradezu aus der Walfangzeit im 18. Jahrhundert transportiert scheinen. Dazu gehören auch die imposanten «Whaling Mansions» – Zeitzeugen des Reichtums, den sich hier insbesondere die Kapitäne angehäuft haben. Viele der (teuren!) Inns sind in diesen herrschaftlichen Häuser untergebracht.

Eine der vielen schmucken Whaling Mansions im Ort

Ausflugsziele: Strände und Leuchttürme

Wer mehrere Tage auf der Insel verbringt, hat so einiges zu erkunden. Weil ich so lange im Whaling Museum (und einigen der niedlichen Boutiquen) hängen geblieben, hat es mir für nur einen Ausflug aus dem Städtchen raus gereicht: an den Strand von Siasconset (Sconset Beach), eine halbe Stunde Busfahrt westlich des Hauptorts. Hier bekommt man einen Eindruck davon, wie ungezähmt das Meer hier draussen ist, wenn der Wind bläst und der Wellengang hoch ist.

Sconset Beach mit Seehund (links) und Krabbe (rechts)

Dementsprechend hatte ich den Strand fast für mich alleine, und mit windfester Kleidung war das sogar recht gemütlich. Als nach ein paar Minuten auch noch ein Seehund seinen Kopf aus dem Wasser streckte – und er eher mich beobachtete, als umgekehrt – war das kleine wilde Inselglück ziemlich perfekt. An diesem Küstenabschnitt gäbe es der Rede ausserdem einen ziemlich spektakulären Spaziergang zum Sankaty Head Lighthouse. Ich fröhnte lieber meinen Seehund.

Das Brant Point Lighthouse

Zwischenhalt im Kennedy-Nest Hyannis

Hinkommen: Nantucket erreicht man an besten mit der Fähre vom Festland – mit Auto, wer will. Sie fährt von Falmouth oder Hyannis am Cape Cod. Ich habe mich für Hyannis (per Peter Pan Bus ab Boston) entschieden und dort auch einen Zwischenhalt eingelegt.

Der Blick auf Hyannis von der Fähre aus

Bekannt ist die hübsche kleine Hafenstadt vor allem wegen dem Kennedy Clan, der von hier stammt.

Am Hafen von Hyannis

Dem berühmtesten der Kennedys – dem JFK – ist denn auch ein Museum gewidmet. Ansonsten gibt es alles, was es für einen klassischen New England Summer braucht: Eisdielen (z.B. Katie’s Homemade Ice Cream, Restaurants, Boutiquen. Vom Ortskern zum Hafen ist es ein 15-minütiger Fussweg.

Der Ortskern mit obligatorischer USA-Flagge

Dort kann man mit Blick auf die Fischerboote Austern schlürfen und leckere Hummer auseinanderwuchten, zum Beispiel im Spanky’s Clam Shack. Um meinen Geldbeutel auf Nantucket vorzubereiten habe ich mich im HI Hyannis Hostel – der Jugendherberge – einquartiert.

Die Jugendherberge namens HI Hyannis Hotel

Blitzsauber, ultrafreundlich, keine zwei Minuten vom Hafen entfernt war das eine super Entscheidung! Für die Überfahrt gibt es zwei Anbieter. Ich habe mich für Hy-Line Cruises entschieden, weil die auf Reisende ohne Auto ausgelegt sind und drum auch etwas schneller unterwegs sind.

Mit den Hyline Cruises unterwegs nach Nantucket

Die Fahrt dauert rund eine Stunde, und wie immer ist das Aussendeck jenes mit den besten Aussichten. 

Ein Fischkutter am Hafen, der auf seinen Einsatz am nächsten Morgen wartet

Herumkommen: Auf Nantucket selbst gibt es ein Busnetzwerk, mit dem man in die verschiedenen Ecken der 22 mal fünfeinhalb Kilometer grossen Insel gelangt. Die Frequenz hängt von der Jahreszeit ab, und man muss ein bisschen planen – aber an und für sich lässt es sich gut damit herumkommen. Weil die Insel a) relativ klein und b) total flach ist, kann man sich auch mit einem Mietfahrrad fortbewegen – und zwar auf den eigens dafür ausgelegten Velorouten. How very unamerican! Würde ich bei einem etwas längeren Aufenthalt definitiv so machen.

Lage:

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