Der Wiener und sein Kaffeehaus – eine besondere Beziehung

Der Wiener und sein Kaffeehaus – eine besondere Beziehung

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Laut Statistik Austria gibt es 974 Kaffeehäuser in Wien. Hier hat die Kaffeehauskultur eine sehr lange Tradition und zählt seit 2011 sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Dass diese Kultur fleissig von den Wienern gepflegt wird, zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2017. 75 Prozent der befragten Wiener gingen mindestens einmal im Monat in ein Kaffeehaus, 47 Prozent der Befragten bevorzugten dabei die traditionellen Wiener Kaffeehäuser. Das musste auch die US-Kette Starbucks schmerzlich erfahren, ihr Wiener Flaggschiff gegenüber der Staatsoper musste mangels (Wiener?) Besucher schliessen.

Das Wiener Kaffeehaus

Für uns Wiener ist das Kaffeehaus ein zu Hause, ohne daheim zu sein, ein Ort des Rückzuges, aber auch des Sehen und Gesehen-Werdens. Man tut, was man im Kaffeehaus eben so tut: Tratschen, Beobachten, Nachrichten dealen, Politik machen, Theaterstücke und Symphonien schreiben, Karten spielen, Schule oder Arbeit schwänzen. Man liest, wie Baedeker’s Handbuch für Reisende bereits 1910 empfohlen hat, die breite Vielfalt an internationalen und lokalen Zeitungen und mitgebrachte Bücher. Man bleibt für sich, aber dennoch immer in Gesellschaft.

Für Stefan Zweig war das Wiener Kaffeehaus „eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast (…) stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen…“ kann – so schrieb er in „Die Welt von gestern“ –  „… unsere beste Bildungsstätte für alles Neue …“.

Wir Wiener haben für jeden Zweck ein eigenes Kaffeehaus. Eines für das das Treffen mit dem Gspusi (Wienerisch für Liebesaffäre), ein anderes für berufliche Besprechungen, dem sonntäglichen Kuchenessen mit der Oma, dem Stillen des Kuchen-Heisshungers oder schlicht dem Schwelgen in alten Erinnerungen.

Wien Tourismus, 2016, copyright www.peterrigaud.com

Die  Gestaltung des klassischen Wiener Kaffeehauses folgt bewährten Design-Prinzipien: Holzparkett, runde Marmor-Tischchen, dem Kaffeehaus-Stuhl von Thonet und ein paar plüschige, abgewetzte Bänke. Im Wiener Kaffeehaus kann man stundenlang bei einer Tasse Kaffee sitzen, ohne schräg angesehen zu werden.

Ja, oft muss man sich sogar sehr anstrengen, um überhaupt vom „Herrn Ober“ (Wienerisch für Kellner) wahrgenommen zu werden. Bemüht er sich schliesslich an den Tisch seiner Gäste, darf man keine bedingungslose Freundlichkeit erwarten – der Wiener Ober ist nämlich bekannt für seinen Grant (Wienerisch für Übellaunigkeit, wobei dies auch mit zentraler Befindlichkeit eines Wiener Kaffeehaus-Kellners umschrieben werden könnte).

Der Kaffee, der hier niemals  „nur“ Kaffee heisst (siehe Wiener Kaffeehaus- Glossar), wird stets auf kleinen silbernen Tabletts mit einem Glas Wasser serviert. Das Wasserglas stellt im Wiener Kaffeehaus eine Einladung dar, es sich gemütlich zu machen – ohne weiteren Konsumationszwang (wir möchten den Grant des Herrn Ober ja nicht überstrapazieren).

Welches ist denn nun das „richtige Kaffeehaus“? Eine Frage, die nur jeder für sich selbst beantworten kann, und zwar je nach Tagesverfassung und Zweck.

Die Wiener Kaffeehaus-Szene – Empfehlungen

Ein Hauch k.u.k.-Glamour weht noch durch das repräsentative Café Central,

Café Central

das Demel mit seinen köstlichen Kuchen und das luxuriös-grosszügige Landtmann direkt am Ring (hier – so erzählt man sich – wurden seit jeher die Gesetze geschrieben. Das Parlament ist immerhin nur einen Steinwurf entfernt). 

Café Landtmann

Kaffee und Künstlerflair  ergänzen sich perfekt im Café Sperl, Stammkaffee von Stars und Komponisten, wie Lewinsky, Heuberger, Millöcker, Léhar oder Kalmann. Im Café Korb finden regelmässig Lesungen statt und im Kaffee Alt Wien (eines meiner Lieblings-Cafés) kann man die Nacht zum Tag machen.

Café Sperl (Wien Tourismus, copyright: www.peterrigaud.com)

Nicht zu vergessen das legendäre Café Hawelka: Das Café der Wiener Bohème wurde nie renoviert und ist nach wie vor eine Inspirationsquelle für Architekten, Künstler und Intellektuelle.

Wer es schlichter mag, ist im Café Museum richtig: Von Adolf Loos entworfen, wirkt die bewusste Einfachheit des Lokals noch heute revolutionär, auch wenn sich Kritiker nach wie vor über das „Café Nihilismus“ mokieren.

Das moderne Café Museum

Das Café Museum feiert 110-jähriges Jubiläum

Ganz anders geht hingegen die Kaffeefabrik mit dieser urwienerischen Tradition um. Spezielle Eigenröstungen aus aller Welt werden in dem kleinen Laden verkauft, zum Verkosten und Mitnehmen gibt es diese natürlich auch. Auch in den coolen Kaffee-Bars Akrap, Balthasar, Caffè a Casa oder Wolfgang Coffee wird die Kunst von fair gehandelten,  selbst gerösteten und perfekt zubereiteten Kaffee zelebriert.

Wer selbst das Kaffeekochen nicht anderen überlassen will, der meldet sich zu einem Kurs in der Vienna School of Coffee an. Dort wird in Seminaren und Perfektionskursen die Kunst der Kaffeezubereitung gelehrt.

Wiener Kaffeehaus-Glossar

Wichtig: Niemals in Wien sollten Sie einfach einen Kaffee bestellen. Auch wenn mittlerweile auch andere Variationen der Kaffeezubereitung wie Espresso, Cappuccino oder Caffè Latte in den Wiener Kaffeehäusern eingebürgert sind, hilft dieser Glossar beim Bestellen. Achtung: Ein Cappuccino kommt häufig mit Schlagobers anstelle von Milchschaum.

Schwarzer oder Mokka

Schwarzer Kaffee, stark, ohne Milch (kleine oder grosse Tasse)

Kleiner/Großer Brauner

Schwarzer Kaffee mit Obers (kleine oder grosse Tasse)

Verlängerter

kleiner Schwarzer oder Brauner, der durch Zugabe von heissem Wasser in den fertigen Kaffee „verlängert“ wird

Melange

Leicht verlängerter Mokka, mit heisser Milch und Milchschaumhaube

Kapuziner

Kleiner schwarzer Kaffee mit wenig Schlagobers (Sahne)

Franziskaner

(Helle) Melange mit Schlagobershaube

Einspänner

Grosser Mokka im Glas, mit viel Schlagobers

Fiaker

Mokka im Glas mit einem Schuss Rum

Türkischer

Ein auf türkische Art, also ungefiltert zubereiteter, Mokka

Wiener Eiskaffee

Kalter Kaffee mit Vanilleeis und Schlagobers

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